RADIKALE INNOVATION

RADIKALE INNOVATION

Foto: Adam Bowle/flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Fortschritt braucht Innovation

Unsere Wirtschaft ist geprägt von ständigem Wandel. Ohne die Dynamik, die durch neue Ideen und Innovationen ausgelöst wird, würde sie nicht wachsen, sondern stagnieren. Innovation ist ein zentraler Grundbaustein unseres Wirtschaftssystems.

Innovationen entstehen, wenn die Idee im Kopf Umsetzung erfährt, zum Beispiel durch die Einführung einer neuen Technologie oder eines neuen Medikamentes am Markt. Kurz: Wenn neue Produkte oder Dienstleistungen auf den Markt kommen und anwendbar werden.

NUR MIT UNSERER INNOVATIONSKRAFT KÖNNEN WIR STANDORTNACHTEILE KOMPENSIEREN.

– MICHAEL STRUGL

Hier tut sich jedoch für Österreich ein wichtiges Problem auf: In den letzten Jahren sinkt die heimische Fähigkeit, Innovationen hervorzubringen, beständig. Dies zeigen die „Innovation Union Scoreboards“, mit denen die Europäische Union die Innovationsfähigkeit ihrer Mitgliedsländer darstellt. Zwischen 2011 und 2015 hat Österreich drei Plätze verloren und liegt mittlerweile nur noch knapp über dem Durchschnitt aller EU-Staaten (vgl. Grafik). Dieser Trend gefährdet die Dynamik der Wirtschaft und damit auch den heimischen Wohlstand.

RADIKALE INNOVATIONEN ALS LÖSUNG?

Manche Expertinnen und Experten sehen in der Förderung sogenannter radikaler Innovationen einen Hebel, um diesen negativen Prozess wieder umzukehren. Doch worin besteht der Unterschied zwischen „normaler“ Innovation und „radikaler“ Innovation?

Als radikal wird eine Innovation gemeinhin bezeichnet, wenn ein neues Produkt nicht einfach nur eine Weiterentwicklung oder Verbesserung von etwas bereits Bestehendem darstellt, sondern wenn es grundlegend neue Lösungen bietet und damit komplett neue Wege und andere Möglichkeiten eröffnet.

MAN MUSS ERKENNEN, DASS WIR IN EINER NEUEN ZEIT LEBEN.

– JOACHIM HAINDL-GRUTSCH

Das Erfinden oder Entwickeln eines derartigen Produktes ist natürlich nicht trivial. Und dementsprechend selten sind radikale Innovationen in der Realität. Wenn sie aber passieren, dann verändern derartige Innovationen oft Märkte von Grund auf oder schaffen gleich gänzlich neue Märkte und verwandeln so das Wettbewerbsgefüge von Unternehmen und Wirtschaftsstandorten fundamental. Ganze Branchen können verschwinden – und mit ihnen die Arbeitsplätze. Gleichzeitig entsteht Neues und damit auch Wirtschaftskraft.

DISRUPTIVE ENTWICKLUNGEN

Tritt dies ein, dann spricht man von einer disruptiven Entwicklung: Das Alte, bisher Dominierende verliert dann unwiderruflich an Bedeutung und wird vom Neuen, dem Innovativen abgelöst. Eine neue „Ära“ bricht an. Paradebeispiele für technische Innovationen, auf denen einige der disruptivsten Entwicklungen der Vergangenheit beruhten, sind zum Beispiel Smartphones, digitale Fotokameras, das Internet und Computer oder der Verbrennungsmotor. Technologien, denen man in Zukunft die größte disruptive Wirkmacht auf das Leben der Menschen zutrauen kann, liegen aus heutiger Sicht im Bereich der Genetik, der Mikro- und Nanoelektronik, der Photonik und in der Entwicklung von neuen Materialien und Werkstoffen.

Aber auch in der Entwicklung innovativer Dienstleistungen in der digital vernetzten Welt liegt großes Potenzial, wie die Beispiele Facebook, Google, Wikipedia, Runtastic, Uber oder Airbnb zeigen. Gerade neue digitale Dienstleistungen haben, da sie bisher gewohnte Verhaltensmuster in Frage stellen und effektivere oder neue Wege aufzeigen, enormes Wirkungspotenzial in unserer Welt, die sich zunehmend digital vernetzt.

Die genannten Beispiele zeigen aber auch, dass es sich dabei nicht zwangsläufig um eine positive Entwicklung für alle handelt. Der Prozess einer disruptiven Innovation bringt immer sowohl Verlierer als auch Gewinner hervor. „Verschlafen“ die Unternehmen einer Region den Sprung in einen neu entstandenen oder sich verändernden Markt, so verlieren sie den Anschluss und gehen im globalen Wettbewerb unter. Das Beispiel des früher bedeutenden Mobiltelefonherstellers Nokia, der nicht auf Smartphones setzen wollte und heute keine Mobiltelefone mehr produziert, kann hier als Warnung gelten.

VERSCHLAFEN HEIMISCHE UNTERNEHMEN DISRUPTIVE ENTWICKLUNGEN, KANN DAS SCHRECKLICHE AUSWIRKUNGEN AM ARBEITSMARKT HABEN.

– MICHAEL SHAMIYEH

Doch müssen disruptiv wirkende Innovationen wirklich immer auch radikal sein? Oder werden die wirklich umwälzenden Entwicklungen doch eher von Innovationen ausgelöst, die anderer Natur sind? Ein Expertenforum der ACADEMIA SUPERIOR kam zum Schluss, dass disruptive Entwicklungen auch von Innovationen ausgelöst werden können, die bereits Bestehendes weiterentwickeln.

Dies geschieht am ehesten, wenn zum Beispiel einige bereits existierende Technologien auf innovative Art und Weise miteinander verknüpft werden und etwas Neues geschaffen wird, so geschehen zum Beispiel beim Smartphone (Internet, Mobilkommunikation und Touchscreens) oder dem Personal Computer (Schreibmaschinen, Rechenmaschinen, Bildschirme). Gerade wenn etwas bereits Gewohntes neu kombiniert wird und so neue Möglichkeiten entstehen, sind auch die Widerstände gegen die Innovation am geringsten und ihr Wirkungsgrad am höchsten.

INNOVATIONSFÄHIGKEIT HEBEN

Die gute Nachricht lautet: Egal welche Art von Innovation – ob disruptiv, radikal oder keines von beiden –, wirklich zentral ist, dass Innovation überhaupt passiert. Vor allem bestimmte regionale Faktoren, Unternehmenskulturen und Einstellungen der handelnden Personen können dabei helfen, die Innovationsfähigkeit einer Gesellschaft als Ganzes zu erhöhen.

INNOVATION MUSS ZU UNSERER DNA GEHÖREN.

–  JOSEF KINAST

Manche Faktoren, welche die Innovationsfähigkeit erhöhen, sind allseits bekannt: etwa staatliche Investitionen in Forschung und Bildung oder Förderungen für Unternehmensgründungen. Ein großer Teil der Innovationsleistungen entsteht auch in existierenden Unternehmen. Deren Unternehmenskulturen im Umgang mit Innovation prägen stark den Erfolg ihrer Entwicklungen. Firmen, die nicht nur ihre Produkte verbessern, sondern danach streben, diese immer wieder zu erneuern, die Ideen in allen Bereichen zulassen – seien ihre Wirkungen auch noch so marginal – und die kreatives externes Potenzial nutzen, entwickeln aus sich selbst heraus eine positive Innovationskultur. Frei nach dem Motto des Nobelpreisträgers Oliver Smithies: „Wenn man mit zehn Personen über eine Idee redet, stehlen zwei diese Idee, aber acht geben einem eine bessere.“ (mehr dazu)

CORPORATE SPIN-OFFS FÜR DIE GESCHWINDIGKEIT

In der globalisierten Welt ist eine der größten Herausforderungen die steigende Geschwindigkeit. Wie können Unternehmen so schnell Ideen zu Innovationen transformieren, dass sie im globalen Wettbewerb einen Schritt voraus bleiben? Durch Corporate Spin-Offs.

WENN NICHTS GESCHIEHT, FALLEN WIR WEITER ZURÜCK.

–  MARKUS MANZ

Entsteht eine neue Idee im Unternehmen, die aber nicht zum Kerngeschäft gehört, so kann ein „Ableger“ des Unternehmens gegründet werden, der versucht, diese Idee zu realisieren. Die Transformation von der Idee zur Innovation passiert dort in der Regel um vieles schneller, als es im „alten“ Unternehmen möglich gewesen wäre. In vielen der innovativsten Regionen, wie Israel, Schweden oder den USA, sind Corporate Spin-Offs mittlerweile eine weit verbreitete Unternehmenspraxis geworden. (mehr dazu)

DER WISSENSCHAFT DAS KOMMUNIZIEREN LEHREN

Neue Ideen, die das Potenzial haben, in Innovationen ihre Umsetzung zu erfahren, entstehen oft auch im Kontext von Forschungseinrichtungen und Hochschulen. So ist zum Beispiel eine beträchtliche Anzahl an Patenten an der Johannes Kepler Universität registriert, allerdings passiert damit nicht genug. Die Forderung lautet also: Der Output der Hochschulen in Richtung umsetzbarer Innovationen muss erhöht werden. Für die Lösung dieser Aufgabe gibt es hier drei neue Antworten, die alle gleichberechtigt nebeneinander stehen.

  1. Wissenschafterinnen und Wissenschafter müssen ihre Haltung gegenüber der Öffentlichkeit ändern und damit beginnen, ihre Forschungen noch aktiver an die Medien und die Öffentlichkeit zu kommunizieren. So werden nicht nur neue Ergebnisse schneller publik, sondern es entstehen auch Aufmerksamkeit und Interesse an der Forschung. Wenn dies dazu genützt wird, um mehr finanzielle Mittel – etwa durch private Investitionen und Spenden – zu generieren, dann steigt die Innovationsleistung der heimischen Forschung automatisch.
  2. Wissenschafterinnen und Wissenschafter müssen ihre Haltung gegenüber der eigenen Forschung ändern. Es sollte für sie selbstverständlicher werden, ihre Forschungen nach Möglichkeit selbst oder durch Dritte zu einer unternehmerischen Umsetzung zu bringen bzw. auch an Dingen zu forschen, die umsetzbare Ziele haben.
  3. Die Politik muss an den Hochschulen Milieus „kreativer Spielwiesen“ ermöglichen. Dort sollen die talentiertesten Köpfe auch verrückte Dinge machen dürfen. So kann Grundlagenforschung radikal neue Erkenntnisse liefern, die dann in der Folge zu radikalen Innovationen führen werden.

WISSENSCHAFTERINNEN UND WISSENSCHAFTER MÜSSEN IHRE FORSCHUNG AKTIVER AN DIE MEDIEN KOMMUNIZIEREN.

–  JOSEF PENNINGER

Publikation:

Basisdossier Radikale Innovationen und disruptive Technologien. Chancen für die oberösterreichische Wirtschaft. Linz, November 2014.

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