Dugnad: organisiertes do-it-yourself in Norwegen

Angelehnt an die Gedanken von der Norwegerin Solveig Leland (Norwegian Directorate of Immigration) über Demokratie und ihre Bürger, wird hier das norwegische Konzept ‚Dugnad‘ beschrieben, welches als Möglichkeit zur Vertiefung von Demokratie angesehen werden kann. [1]

In Norwegen durch ein Dorf geschlendert, auf die nächste Fähre wartend, begegnet man überall Mensch – jungen und alten – alle arbeiten fleißig. Die einen pflanzen Blumen rund um den Dorfbrunnen, andere widmen sich dem Sträucherschnitt, Kinder befreien die Straße vom Split und ein älterer Herr bringt Kuchen und Tee in einem Korb. Diese freiwillige Gemeinwohlarbeit hat lange Tradition in Norwegen und nennt sich ‚Dugnad‘.

“Democracy is not something you believe in or a place to hang your hat, but it’s something you do. You participate. If you stop doing it, democracy crumbles.” [2]

Co-Kreatoren als bedeutsame Träger von Demokratie

Bürger können als Wähler (Empfänger von öffentlichem Service), als Freiwillige (der nachbarschaftliche Bürger, der gerne mit anderen Bürgern interagiert) und als Co-Kreatoren (Bürger die mit der Regierung bzw. mit der öffentlichen Hand kooperieren um geschäftliche Probleme zu lösen) agieren.
Problemen, denen man nahe ist, kann eher begegnet werden, als solchen, denen man fern ist. Wenn die öffentliche Hand die Probleme einer Kommune übersieht und unfähig ist, diese zu beseitigen, sind die Bürger angehalten, ihre Probleme selbst zu lösen. Wenn jeder einzelne partizipiert – mit seiner Fülle an Fähigkeiten, Talenten und Einblicken – können Lösungen entwickelt werden, die einen langfristigen und bedeutsamen Wert für die Allgemeinheit haben. Anstatt ein passiver, sich über öffentliche Dienstleistungen beschwerender Bürger zu sein, kann ein Co-Kreator sowohl die Regierung, die Öffentlichkeit als auch den einzelnen Bürger engagieren, Wege zu finden, um Herausforderungen des Zusammenlebens, des Gemeinwohls und öffentlicher Dienstleistungen zu verbessern. Eine aktive Bürgerschaft ermöglicht eine bottom-up Entscheidungsfindung. Kurz, Bürgerpartizipation erbaut eine bessere Demokratie.

Haben wir vergessen, aktive Bürger zu sein?

Norwegen ist demokratisch, hat ein gut funktionierendes Wohlfahrtssystem, seine Bürger haben gleichen Zugang zu Bildung, Gesundheits- und Sozialleistungen, generell ist alles sehr komfortabel. Dennoch gibt es welche, die sich beschweren. Norweger haben sich an das Zahlen der Steuern gewöhnt und erwarten vom Staat, dass er sie mit exzellentem Service versorgt. Ähnlich ist es in Österreich. Ist es der vorherrschende individualistische Fokus, welcher uns viel mehr wie ein Kunde, als ein engagierter Bürger verhalten lässt? Ist Demokratie zu nüchtern für uns geworden, sodass wir vergessen, daran teilzunehmen um gesellschaftliche Probleme zu lösen?

Dugnad: Gemeinwohlarbeit

Für das Wort Dugnad (Dügnad ausgesprochen), vom Altnorwegischen „dugnaðr” (Hilfe), gibt es bei uns – bezeichnenderweise – keine einfache Entsprechung. Es ist ein norwegisches Wort für eine gemeinschaftlich ausgeführte Aufgabe oder eine freiwillige Arbeit mit Bedeutung für die Gesellschaft oder eine Einzelperson. Eine gesetzliche Grundlage gibt es hierfür nicht. Dugnad wird meist im örtlichen Zusammenhang (oft im Rahmen von Nachbarschaftshilfe), seltener auch regional oder national geplant und durchgeführt. Das Konzept von Dugnad ist der norwegischen Sprache und Kultur inhärent; selbst kleine Kinder sprechen über Dugnad und tragen stolz Spaten und Kübel in ihren Händen. Im Jahr 2004 wurde das Wort Dugnad zum norwegischen Nationalwort gekürt. Es ist jedoch ein Gerücht, dass Dugnad an sich typisch norwegisch ist: In anderen Sprachen, wie im Finnischen (talkoot), im Finnlandschwedischen (talko) oder Russischen (толока) finden sich Wörter mit gleicher Bedeutung wieder. Menschen aus der ehemaligen DDR kennen das Konzept Dugnad sicher unter dem Begriff ‚Subbotnik‘, und im Sudan kennt man es unter ‚Naffīr‘.

Dugnad: Förderung des Gemeinschaftssinns

Obwohl Individualismus zunimmt und es scheint, als nähme die jeder-für-sich-selbst-Mentalität zu, ist der Geist der Solidarität und Gemeinschaft nach wie vor in Norwegen präsent. Das Land hat tatsächlich eine lange Tradition in der Gemeinwesen-Organisation und das Konzept und Beispiel Dugnad ist eine Manifestation dessen.
Zum Dugnad kommen Leute zusammen, die etwas gemeinsam haben – seien es Kinder in einer Klasse, die Mitgliedschaft in einem Verein oder dieselbe Adresse – um in der Gruppe etwas zu tun, was man als unbezahlte Gemeinschaftsarbeit bezeichnen könnte. Das aber trifft den Kern von Dugnad nur sehr ungenau. Das speziell Norwegische daran ist, dass diese Leute sich treffen und Arbeiten ausführen, für die man in anderen Ländern jemanden bezahlen würde. 2007 schätzte Statistics Norway, dass der Wert der Arbeit im freiwilligen Sektor, bezahlt und unbezahlt, beinahe 4% des BIPs ausmachte. Wenn es auch ein Zusammentragen von Ressourcen – Zeit und Geld – ist, geht es doch viel mehr darum, einen Gemeinschaftssinn zu fördern und Beziehungen mit den Nachbarn und Mitgliedern der Gemeinschaft aufzubauen. Dugnad ist eine gute Möglichkeit, Kinder zu involvieren, um den Wert freiwilliger, ehrenamtlicher Tätigkeiten für das Gemeinwohl kennenzulernen und zu verstehen.

Dugnad: rechen, putzen, bauen, streichen oder zahlen

Ein Dugnad wird von einem Verein, einer Institution, einer Gemeinde, einer Wohngemeinschaft etc. geplant und durchgeführt. Neben einer finanziellen Unterstützung, die ebenso als Dugnad zählt, kann Dugnad konkret so aussehen:
Kinder bereiten Weihnachtsgeschenke für die Kinder bedürftiger Familien vor; ein Chor gibt ein Konzert und erledigt mit den Einnahmen Lebensmitteleinkäufe für weniger bemittelte oder immobile Personen; ein Verein organisiert Geburtstagsgeschenke für Kinder; finanziell bessergestellte Familien laden notdürftige Familien zum Festessen ein; Lebensmittel werden verteilt; Küchen, Möbel, werden gekauft oder weitergegeben; Renovierungsarbeiten werden gemeinsam an Häusern vorgenommen; Eltern bereiten ein Schulfest vor, Jugendliche streichen ihren Jugendclub selber; Häuser, Gärten, Parks oder das gesamte Dorf werden im Frühling sowie vor Winterbeginn zusammen auf Vordermann gebracht; Sportstätten und Garagen werden selbst gebaut, die Liste könnte endlos fortgesetzt werden.

Dugnad: angenehme und unangenehme Seiten

Die angenehme Seite des Dugnads ist, dass man seine Nachbarn kennenlernt, mit Freunden Zeit verbringt und die gemeinschaftliche Arbeit mit einem gemütlichen Beisammensein abschließt. Die unangenehme Seite ist die, dass bei einem Dugnad oft Gruppenzwang herrscht, manchmal sogar finanzielle Ersatzleistung bei Fernbleiben gefordert wird und man seine Freizeit für so manche ungeliebte Tätigkeiten opfert.

Dugnad: Vertiefung der Demokratie durch freiwillige Gemeinwohlarbeit

Menschen müssen zusammenkommen, nicht nur um zu demonstrieren und zu protestieren, sondern auch, um sich gemeinsam Herausforderungen zu stellen, zusammen Probleme zu lösen und ihre eigene Zukunft aufzubauen. Partizipation und aktive Beteiligung der Bürgerschaft ist immens wichtig um Demokratie zu vertiefen; selbst in demokratischen Ländern ist das keine Selbstverständlichkeit. In Gesellschaften, in denen die Tradition von Gemeinwohlarbeit existiert, müssen die Menschen unbedingt auf die demokratische Bedeutung dieser Art von Arbeit aufmerksam gemacht werden. Es muss in diesen Gesellschaften das Bewusstsein darüber geschaffen werden, wie wichtig es ist, diese gemeinsamen Aktivitäten am Leben zu erhalten. Diese Traditionen sind essentiell, Demokratie zu wahren und sind – wenn gepflegt – eine wertvolle Ressource für Menschen, die sich damit beschäftigen, was es heißt, ein aktiver Bürger zu sein. Letztlich kommt Demokratie nicht vom Staat sondern vom Volk.

‚Dugnad‘ ist eine Möglichkeit, Demokratie zu vertiefen.
Ist das Konzept von Dugnad für Oberösterreich denkbar? Existiert in Oberösterreich bereits so ein Konzept? Wird dieses Konzept gelebt und gefördert?

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[1] Demokratie heißt wörtlich Herrschaft des Volkes: in diesem Sinne wird hier, um den Lesefluss zu erleichtern, die politisch korrekte Schreibweise beider Geschlechter – also die Nennung beider Geschlechter – eliminiert und die maskuline-Endung bevorzugt – ganz im Sinne einiger norwegischer Regionen, die sogar den femininen Artikel durch den maskulinen ersetzen (es sei an dieser Stelle erwähnt, dass in Norwegen Frauen und Männer so chancengleich wie nirgendwo sonst auf der Welt MITeinander leben).
[2] Abbie Hoffman, amerikanischer Polit- und Sozial-Aktivist, Autor und Journalist, † 1989


Links:
Englisch:
http://www.socialresearch.no/About-ISF/Projects/Finished-projects/The-Norwegian-tradition-of-the-Dugnad
Norwegisch: http://www.samfunnsforskning.no/Publikasjoner/Boeker/2011/2011-001
http://www.samfunnsforskning.no/ISF/Nyhetsarkiv/Dugnaden-endrer-form

 


[eh]

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