Im Rahmen des Europäischen Forum Alpbach 2016 zum Generalthema „Neue Aufklärung“, veranstaltete ACADEMIA SUPERIOR bereits zum vierten Mal ein Kamingespräch. Diese Kooperation mit dem Studierendennetzwerk Club Alpbach OÖ ist bereits ein Fixpunkt und Sommerhighlight in den Tiroler Bergen. Zu Gast waren herausragende Persönlichkeiten: Philosoph und Kulturkritiker Konrad Paul Liessmann (Universität Wien), Strategie- und Innovationsexperte Kurt Matzler (Universität Innsbruck und Bozen) und Humangenetiker und wissenschaftlicher Leiter von ACADEMIA SUPERIOR Markus Hengstschläger (Medizinische Universität Wien).

Mehr als 130 Studierende sowie interessierte Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Forum Alpbach folgten der Einladung und bereicherten die Diskussionsrunde mit kritischen und gleichermaßen zum Nachdenken anregenden Fragen und Anmerkungen.

„Aus diesem Grund veranstaltet ACADEMIA SUPERIOR Treffen wie diese, um ergebnisoffen und faktenorientiert über die Erfordernisse der Zukunft zu sprechen“, so Landesrat Michael Strugl in seiner Begrüßung. Auch die Präsidentin des Club Alpbach OÖ Jasmin Berghammer schätzt die Möglichkeit zum Gedankenaustausch zwischen Studierenden und Wissenschaftern bei dem gemeinsam veranstalteten Kamingespräch in Alpbach.

Zum Thema „Schöne neue Welt. Digitalisierung, Menschenbild und Mündigkeit 2.0“ wurde rege diskutiert: „Was sind die Folgen des digitalen Wandels für unsere Gesellschaft und Arbeitswelt?“, „Wie wird sich unser Verständnis von Freiheit und Identität verändern?“ und „Welche Veränderungen bringt der zunehmende Einsatz von ‚Artificial Intelligence‘?“

Digitalisierung und ihre Auswirkungen

Revolutionen unterschiedlicher Art sind nicht neu. Die hat es immer gegeben. Das Besondere an der Digitalisierung ist jedoch die exponentielle Geschwindigkeit mit der sie auf uns zukommt, meint Kurt Matzler: „Wenn wir linear 25 Schritte machen, kommen wir 20 Meter weiter. Machen wir das exponentiell, gehen wir 26-mal um die Erde. Das passiert gerade mit der Digitalisierung.“

„Man kann die Digitalisierung nur bremsen, nicht aufhalten.“ – Kurt Matzler

Der Philosoph widerspricht und sieht Digitalisierung als etwas vom Menschen Gemachtes, das durch den Kauf von Smartphones oder die Nutzung von Apps und Social Media Fahrt aufnimmt. „Wenn sich die Gesellschaft dagegen entscheidet, wird die Digitalisierung auch nicht weiter vorangetrieben werden“, argumentiert Liessmann, wenngleich diese Entwicklung freilich unwahrscheinlich ist.

„Digitalisierung ist kein Naturgesetz, sondern sie liegt einzig und allein in der Verantwortung und Verantwortungslosigkeit der Menschen.“ – Konrad Paul Liessmann

Wird uns der Fortschritt alle unsere Jobs kosten und auf welche Branchen sollen sich junge Menschen konzentrieren? „Das Unternehmertum, die Kreativbranche und Berufe, die Geschicklichkeit und Sensomotorik erfordern sind jene Jobs, die momentan noch sicher sind, wenn es um die fortschreitende Digitalisierung und Automatisierung geht“, so der Strategie- und Innovationsexperte Matzler.

Wir befinden uns jedoch nicht im Stillstand, sondern gegenteilig, in stetigem Wandel und so wirft Markus Hengstschläger die Frage auf, was die Generation der Jugend heute tun soll, um auf die eintreffenden Veränderungen von morgen vorbereitet zu sein. Matzler rät, die Jugend darauf vorzubereiten, nicht ein Leben lang ein und denselben Job auszuführen, und sie zu ermutigen, mit der Digitalisierung mitzugehen und sie „bewusst und offensiv als Chance zu nutzen.“

Liessmann zufolge muss man sich besonders in einer Zeit, in der die Digitalisierung einen immer stärkeren Einzug in unser aller Leben findet, auf das fokussieren, wozu nur Menschen in der Lage sind und was wir als Menschen auch weiterhin tun wollen.

„Artificial Intelligence“ – die neue Form der Unmündigkeit

Nicht nur manuelle Arbeit wird immer öfter von Maschinen übernommen, auch das digitale Denken schreitet immer weiter voran.

Die ‚Artificial Intelligence‘ (dt. künstliche Intelligenz) kann ein Tool zur Hilfestellung sein – beispielsweise im Bereich der Medizin und der Diagnostik – sie führt aber auch zu neuen Herausforderungen, Gefahren und Umstrukturierungen. Diese stellen die Gesellschaft zum jetzigen Zeitpunkt vor eine Fülle von offenen Fragen.

„Hätte diese Veranstaltung 30 Jahre zuvor stattgefunden, so hätte jeder gesagt, es bestehe kein Grund zur Sorge, da die technischen Geräte sowieso nur das ausführen, was wir Menschen ihnen auftragen“, meint Markus Hengstschläger und fährt fort: „nun aber besteht mit der ‚Artificial Intelligence‘ die Gefahr, dass die Intelligenz des Menschen von jener der Maschine übertroffen wird.“

„Der Mensch muss die Hoheit über den Stromstecker behalten.“ – Konrad Paul Liessmann

Konrad Paul Liessmann macht deutlich: „Wir unterliegen der Gefahr, unsere Entscheidungskompetenz an Maschinen zu delegieren.“ Das ist die neue Form der Unmündigkeit. Genau in dem Moment, wo Haftungs- und Verantwortungsfragen nicht mehr bei Menschen, sondern bei Maschinen liegen, ist der Mensch unmündig. Und das, obwohl wir nicht sicher sein können, dass diese Algorithmen richtig programmiert sind.

„Die Entscheidung abzugeben, kann manchmal sehr angenehm sein – Unmündigkeit war schon immer angenehm.“ – Konrad Paul Liessmann

Konrad Paul Liessmann warnt vor dem „schleichenden Entstehen einer digitalen Kontrollgesellschaft und dem Ende des freien Willens“. Kurt Matzler verortet dieses potenzielle Ende des freien Willens beispielsweise darin, dass Menschen zunehmend aufgrund von bestimmten Merkmalen automatisiert bewertet werden und ihr zukünftiges Verhalten vorhergesagt wird. Matzler stellt die berechtigte Frage: „Wird eine Person, die aufgrund einer Big Data-Analyse als zukünftig schlechter Autofahrer prognostiziert wird, automatisch keine KFZ-Versicherung bzw. keinen Führerschein bekommen?“

Trotz der Gefahren sind die voraussichtlichen Gewinne für Europa laut Kurt Matzler doppelt so hoch wie die potenziellen Verluste, die durch eine weitere Automatisierung und Digitalisierung entstehen könnten. Wir können und sollten uns also nicht leisten, diese zukünftige Entwicklung nicht in vollem Ausmaß zu nutzen.

„In einer globalisierten Welt wird es schwierig sein, eine technologische Innovation zu verhindern, denn sobald sie einen deutlichen Vorteil hat, wird sie sich irgendwo durchsetzen.“ – Kurt Matzler

Als ein Best-Practice-Beispiel für die Anwendung künstlicher Intelligenz wird z.B. das Computersystem „Watson“ genannt, das als Assistenzsystem für Ärzte auch seltene Krankheiten mittels Datenabgleich mit einer Vielzahl von Einträgen rasch diagnostizieren kann. Doch neben der möglichen positiven Wirkung dieser Innovation treten auch Fragen der künftigen Qualifizierung von Ärzten sowie Haftungsfragen bei Fehldiagnosen oder Fehlentscheidungen auf.

Wir werden mit immer mehr Algorithmen zu tun haben, die Entscheidungen für uns treffen. Der Programmierer eines selbstfahrenden Autos steht etwa vor einer Entscheidung, die moralisch-ethisch nicht verwerflicher sein könnte. Kurt Matzler verdeutlicht dies anhand eines Beispiels aus einem Experiment: Drei Kinder überqueren plötzlich die Straße. Die Bremsen des selbstfahrenden Autos versagen. Soll der Autopilot nun die Kinder überfahren, oder soll er gegen eine Wand fahren und somit den Fahrzeuginsassen töten? „Über eine moralische Intuition verfügen die meisten Menschen. Sobald aber emotionale Distanz im Spiel ist und man selbst nicht betroffen, wird die Entscheidung nach ganz anderen Prinzipien, meist unmenschlicheren, getroffen“, so Matzler.

„Trotz aller Algorithmen und den Entscheidungen, die uns abgenommen werden, ist es notwendig, Menschlichkeit und Werte zu bewahren.“ – Kurt Matzler

Liessmann fügt zu diesem Thema hinzu: „Zwischen 60 und 70% der Befragten in dem Experiment, aus dem das Beispiel stammt, entschieden sich dafür, dass das Auto gegen die Wand fahren, und somit den Fahrer töten soll. Auf die Frage, ob sie denn ein solches Auto kaufen würden, antworteten 90% mit ‚Nein‘.“

Bedingungsloses Grundeinkommen oder negative Einkommenssteuer

Die Geister scheiden sich, wenn es darum geht, ob der Fortschritt der Automatisierung und Digitalisierung eine Wertschöpfungssteuer (Maschinensteuer) und ein bedingungsloses Grundeinkommen notwendig machen wird oder nicht. Kurt Matzler schlägt als bessere Lösung eine negative Einkommenssteuer vor. Hierbei würde das Prinzip der progressiven Besteuerung umgedreht. Verfügt eine Person über ein Einkommen unterhalb eines bestimmten Niveaus, bekommt die- oder derjenige vom Staat eine Transferleistung. Somit wird das Einkommen aufgebessert, der Anreiz zur Arbeit besteht jedoch weiterhin. Matzler betont die wichtige Funktion von Arbeit und verweist auf Voltaire, den bedeutenden Philosophen des 18. Jahrhunderts: Ihm zufolge können drei große Übel durch Arbeit ferngehalten werden: die Langeweile, das Laster und die Not.

Konrad Paul Liessmann vertritt hier andere Ansichten und meint, Menschen würden trotz eines bedingungslosen Grundeinkommens die Motivation zur Arbeit behalten. Es gibt Tätigkeiten, die ein Mensch einfach tun will – sei es der Aufbau oder die Zerstörung von Dingen.

Der Philosoph meint weiter, die digitale Welt gehe davon aus, dass der Mensch in einer Welt zufrieden ist, die nur aus Nullen und Einsen besteht. Eine rein digitale Welt ist jedoch schlicht zu wenig: „Es geht nicht nur um das fertige Produkt, der Mensch braucht ein Ritual und die Tätigkeit.“

Ein Beispiel hierfür ist das eigenständige Backen von Brot, unabhängig davon, ob man über eine Brotbackmaschine verfügt, oder nicht – einfach nur, weil man es machen will, und es einem Freude bereitet.

Das Comeback des Hausverstandes

„Umbruchphasen gehen immer mit sozialen Konflikten und Härten einher, und deshalb sollte eine Gesellschaft alles daran setzen, eine solche Veränderung frühzeitig zu erkennen und abzufedern“, betont Liessmann und meint abschließend: „denn wenn wir schon einfache Fragen – z.B. zur Umstellung des Sozialsystems – nicht beantworten können, ist das ganze Gerede rund um intelligente Systeme vollkommen sinnlos, und es bedarf wieder vermehrt den Gebrauch von Hausverstand.“

„Wir brauchen vernünftiges Denken jenseits von apokalyptischen Ängsten und jenseits von Euphorien hysterischer Art.“ – Konrad Paul Liessmann

Michael Strugl stellte zum Abschluss noch eines fest: „Die Möglichkeit, sich mit dem Thema zu beschäftigen und Fragen dazu zu diskutieren, ist Zeichen einer schönen neuen Welt.“