Die steigende Zuwan­derung stellt unser Bil­dungssys­tem vor große Her­aus­forderun­gen. Hier einige ernüchternde Fak­ten, die zeigen, dass dies zu lange ignori­ert wurde.

„Immer mehr Väter ver­weigern Hand­schlag mit Lehrerin­nen“, titelte der „Kuri­er“ Anfang April. Der Anlass war wohl eine heftige Diskus­sion in der Schweiz, ob jugendliche Mus­lime weib­lichen Lehrkräften den in ein­er Schule üblichen Hand­schlag aus religiösen Grün­den ver­weigern dür­fen.

Der Fall zeigt klar eine zen­trale Prob­lematik von Inte­gra­tion: „Die unter­schiedlichen kul­turellen Bedin­gun­gen führen oft zu Missver­ständ­nis­sen“, wie es Bet­ti­na Koller, die Lei­t­erin ein­er Flüchtlingswohnge­mein­schaft, im „Kurier“-Artikel aus­drückt. „Diskus­sio­nen gab es auch, als die Burschen im Tanzkurs zum ersten Mal auf die Mäd­chen trafen: „Sie tru­gen kurze Röcke und T‑Shirts mit kurzen Ärmeln. Die Burschen fragten mich, ob das Huren sind“, erzählt Koller.“

Zweifel­los schwierig ist der Bal­anceakt zwis­chen Tol­er­anz, die ja auch Zuwan­derIn­nen als wichtiger Wert ver­mit­telt wer­den soll, und falsch­er Tol­er­anz, die zulässt, dass die grundle­gen­den Werte der Aufk­lärung, die einen mod­er­nen, west­lichen Staat zumin­d­est the­o­retisch prä­gen, unter­graben wer­den.

Ein notwendi­ges Mit­tel für Inte­gra­tion ist die Beherrschung der Sprache jenes Lan­des, in dem Inte­gra­tion gelin­gen soll. Das scheint nun auch die Poli­tik endlich erkan­nt zu haben. Nun soll die Sprach­förderung aus­ge­baut und erst­mals auf nicht mehr schulpflichtige Jugendliche aus­gedehnt wer­den. Höchst zweifel­haft erscheint jedoch, ob die dafür zur Ver­fü­gung gestell­ten Ressourcen genü­gen wer­den, wenn wir uns die im BIFIE-Bericht über die Stan­dard­über­prü­fung (Deutsch, 4. Schul­stufe) genan­nten Zahlen in Erin­nerung rufen:

  • 38 % der 10-Jähri­gen Öster­re­ichs ver­fü­gen über kein aus­re­ichen­des Lesev­er­ständ­nis. In Wien sind es sog­ar 44 %.
  • 10-Jährige aus einem Eltern­haus mit höch­stens Pflichtschu­la­b­schluss haben auf ihre gle­ichal­tri­gen Mitschü­lerIn­nen, deren Eltern eine uni­ver­sitäre oder ähn­liche Bil­dung aufweisen, in Deutsch einen Leis­tungsrück­stand von über drei Jahren. Sie befind­en sich mit ihren Leis­tun­gen kurz vor Ende der Volkss­chule dort, wo die anderen bere­its am Beginn standen.

Inzwis­chen sprechen schon 22 % aller Schü­lerIn­nen Öster­re­ichs die Unter­richtssprache nicht als Umgangssprache. Dieser Anteil hat sich inner­halb von nur sieben Jahren um mehr als ein Drit­tel erhöht – und er wird weit­er­hin steigen. In der Volkss­chule liegt der Anteil näm­lich bere­its bei 28 %, wie die Sta­tis­tik Aus­tria in ihrer Schul­sta­tis­tik vom Dezem­ber 2015 fes­thält.

Inte­gra­tion ist ein langer und manch­mal höchst mühevoller Prozess, der bei­de Seit­en fordert. Eine Alter­na­tive dazu gibt es allerd­ings nicht, wenn wir weit­er­hin in ein­er freien und friedlichen Gesellschaft leben wollen.

Zum Autor

Dr. Eck­e­hard Quin ist Vor­sitzen­der der AHS-Gew­erkschaft

Mag. Ger­hard Riegler ist Mit­glied der Bun­desleitung der AHS-Gew­erkschaft

Text zuerst erschienen in: gym­na­si­um — Zeitschrift der AHS-Gew­erkschaft. 2016, Aus­gabe 3, 05/06.