Die Salzburg­er-Fest­spiel­präsi­dentin Hel­ga Rabl-Stadler kri­tisierte im ACADEMIA SUPERIOR-DIALOG im Linz­er Schloss einen ver­wasch­enen Kul­turbe­griff, gießkan­nenar­tige Kun­st­förderun­gen, sowie den schlecht­en Ruf der Elite und den Ver­lust des Gefühls für Anstand.

„Wir erleben gegen­wär­tig einen Kampf um den Stel­len­wert der Kul­tur in unser­er Gesellschaft“, zeigte sich die renom­mierte Fest­spiel­präsi­dentin Hel­ga Rabl-Stadler, die auf Ein­ladung der Acad­e­mia Supe­ri­or nach Linz gekom­men war, überzeugt. Im DIALOG disku­tierte sie mit Markus Hengstschläger darüber, was Kul­tur ist, was Kun­st alles darf, warum Eliten zu Unrecht einen schlecht­en Ruf haben und warum der „Anstandsver­lust“ eine Katas­tro­phe für die heimis­che Kul­turszene ist.

Dr. Michael Strugl, Obmann von ACADEMIA SUPERIOR, ver­wies in sein­er Begrüßung zur Ver­anstal­tung auf die Rel­e­vanz, die Kul­tur und Kun­st für das Land Oberöster­re­ich haben und erk­lärte: „Kul­tur definiert nicht nur das Zusam­men­leben in unser­er Gesellschaft. Kul­tur ist auch ein wichtiger wirtschaftlich­er Stan­dort- und Wertschöp­fungs­fak­tor für Oberöster­re­ich“. Auch Gen­eraldirek­tor Dr. Andreas Mit­ter­lehn­er sah das, als Vertreter der HYPO Oberöster­re­ich des Koop­er­a­tionspart­ners des Abends, ähn­lich, und betonte: „Kun­st, Kul­tur und Wirtschaft brauchen sich gegen­seit­ig.“

Kultur ist ein Maßstab für richtig und falsch

„Kul­tur gibt uns den Maßstab dafür, was wir für richtig oder falsch hal­ten und ist deshalb zen­tral für eine Gesellschaft“, so Rabl-Stadler, die dem Begriff der „Leitkul­tur“ nur wenig abgewin­nen kann, da er etwas Dauer­haftes und Dom­i­nantes sug­geriert. „Kul­tur ist lebendig und wan­delt sich ständig weit­er“, so Rabl-Stadler und fügt hinzu: „Und ger­ade deshalb dür­fen wir keine Angst davor haben, über Kul­tur zu disku­tieren. Ger­ade weil Kul­tur unsere Gesellschaft zusam­men­hält, ist auch die Kul­tur der Mehrheit wichtig, nicht nur die der Min­der­heit­en. Fremde Ein­flüsse kön­nen aufgenom­men, aber auch abgelehnt wer­den, wichtig ist nur, dass man darüber offen disku­tiert“.

„Kun­st kann Kul­tur schaf­fen — muss sie aber nicht.”

Rabl-Stadler sieht in der Kun­st ein wichtiges Werkzeug, um zwis­chen diesen ver­schiede­nen Kul­turen zu ver­mit­teln. „Die Idee der Salzburg­er Fest­spiele wurde im Ersten Weltkrieg entwick­elt und sie soll­ten mithelfen, den Hass zwis­chen den Län­dern zu über­winden“, erk­lärte die Fest­spiel-Präsi­dentin und zeigte sich von der Kraft von Kul­turver­anstal­tun­gen überzeugt: „Wenn die Kün­stler gut sind, dann gehen die Men­schen verän­dert aus ein­er Ver­anstal­tung raus“.

Gute Kunst spricht die Gefühle an

Auf die Frage von Markus Hengstschläger, warum manche Dinge zu Kun­st wer­den und die Jahrhun­derte über­dauern und irgend­wann dann „Kul­tur” genan­nt wer­den, fand die „Außen­min­is­terin“ der Salzburg­er Fest­spiele — wie sie sich selb­st gerne nen­nt — eine sim­ple Erk­lärung: „Kun­st darf alles. Sie darf unter­hal­ten und sie darf provozieren. Aber nicht alles ist sofort Kun­st. Und manch­mal kann Kun­st Kul­tur schaf­fen, sie muss es aber nicht. Aber wirk­lich gute Kun­st, die die Jahrhun­derte über­dauert, spricht immer auch die Gefüh­le der Men­schen an und deshalb ist sie erfol­gre­ich und kann Jahrhun­derte über­dauern.“

Durch die schwierige Def­i­n­i­tion, was alles Kun­st sei, beobachtet Rabl-Stadler ein Prob­lem: „Dieser ver­wasch­ene Kun­st- und Kul­turbe­griff führt dazu, dass heute alles Mögliche im Gießkan­nen­prinzip gefördert wird. Das müsste stärk­er evaluiert wer­den und Poli­tik­er müssten sich auch trauen zu sagen, dass nicht alles gefördert wird“.

Kunst braucht kulturelle Flaggschiffe

Dabei betonte sie, dass es trotz­dem wichtig sei, einzelne Kul­tur­pro­jek­te beson­ders auszus­tat­ten. „Diese Flag­gschiffe haben Vor­bild-Charak­ter und brin­gen auch den kleinen Kul­turini­tia­tiv­en viel. In Salzburg zum Beispiel, prof­i­tieren auch alle kleineren Pro­jek­te vom weltweit­en Renom­mee der Fest­spiele“, zeigte sie sich überzeugt. Für Rabl-Stadler gibt es bes­timmte tra­di­tionelle Kul­turgüter, die nicht aus finanziellen Grün­den geopfert wer­den soll­ten: „Weil mehr dahin­ter­steckt. So wie das Musikschul­w­erk in Oberöster­re­ich. Es ist kost­spielig aber kost­bar“, erk­lärte sie. Für die Auswahl dieser Kul­tur-Flag­gschiffe und erhal­tenswerten Tra­di­tio­nen braucht es auch den Staat und seine Mit­tel.

„Kul­tur ist lebendig und wan­delt sich ständig.”

Dabei lei­de die Kul­turszene, laut Rabl-Stadler, ger­ade in Öster­re­ich darunter, dass ihr durch das Ver­schwinden des Bil­dungs­bürg­er­tums eine starke Lob­by für die Kun­st ver­loren geht. Sie kri­tisiert auch die weitver­bre­it­ete Abnei­gung gegen den Begriff der Elite: „Für mich kommt Elite von Leis­tung und Promi­nenz nur von Applaus. Heute wird sofort jed­er, der ein biss­chen bess­er gebildet ist, als Elite ver­nadert“, so Rabl-Stadler, die ein gle­ichzeit­iges Ver­schwinden des Anstandes kon­sta­tiert. „Weil viele den Anstand ver­loren haben und kein richtiges Maß mehr ken­nen, brauchen wir heute für alles Regeln. Das ist typ­isch für unsere Zeit“. Diese über­bor­den­den Com­pli­ance-Reg­ulierun­gen schnüren aber ger­ade lokalen Kun­st- und Kul­turini­tia­tiv­en die Luft stark ab und soll­ten, laut Hel­ga Rabl-Stadler, wieder entschärft wer­den.