Lord Brian Griffiths of Fforestfach – Politische Kontrolle

Das Gefühl, dass die Politik alles unter Kontrolle hat – das wollen die Menschen, erklärt der britische Politiker und Vice-Director von Goldman Sachs International

Das Gefühl, dass die Poli­tik alles unter Kon­trolle hat – das wollen die Men­schen, erk­lärt der britis­che Poli­tik­er und Vice-Direc­tor von Gold­man Sachs Inter­na­tion­al. Das Inter­view zusam­menge­fasst von Alan Web­ber.

Radikale Umbrüche sind im ökonomis­chen Leben ein­er freien Gesellschaft unver­mei­d­bar. Dis­rup­tion ist das Ergeb­nis neuer Ideen, neuer Herange­hensweisen und neuer Tech­niken. Aber es gibt auch eine neg­a­tive Seite von Dis­rup­tion. Die Frage lautet: Wie behan­deln wir als Gesellschaft ein­er­seits die guten Seit­en von Inno­va­tion und ander­er­seits die Kosten, welche die Men­schen tra­gen müssen? Vom gesellschaftlichen Blick­winkel aus ist es wichtig, dass wir den Wan­del ermöglichen. Wenn er aber außer Kon­trolle gerät, wer­den die Men­schen verängstigt.

„Großbri­tan­nien ver­lässt nicht Europa son­dern Brüs­sel.”

Beim Brex­it ging es darum, dass das Vere­inigte Kön­i­gre­ich wieder die Kon­trolle über zwei Dinge zurück­bekommt: seine Geset­ze und seine Gren­zen. Ich denke nicht, dass die Briten ras­sis­tisch, xeno­phob, nativis­tisch oder gar faschis­tisch sind. Das Prob­lem ist, dass die Regierung einige Jahre lang ein Zuwan­derungsziel vorgeschla­gen hat, über das regelmäßig hin­aus­geschossen wurde. Die Regierung erscheint unfähig, Zuwan­derung zu kon­trol­lieren.

Heute kann man Gesellschaften in „Glob­al-Men­schen“ und „Region­al-Men­schen“ unterteilen. „Glob­al-Men­schen“ sind typ­is­cher­weise Uni­ver­sitätsab­sol­ven­ten, Fachkräfte, inter­na­tion­al mobil und tendieren dazu, sozial­lib­er­al zu sein. „Region­al-Men­schen“ sind hinge­gen eher Men­schen, die in den ver­gan­genen zehn Jahren wirk­lich gelit­ten haben. Sie sind Fis­ch­er aus Corn­wall, wal­i­sis­che Schaf­bauern, Stahlar­beit­er aus Sheffield. Ihre realen Einkom­men sind zurück­ge­gan­gen.

Der Brex­it war ihre Protest­wahl. Sie sagten: „Stopp! Wir sind auch ein Teil dieser Gesellschaft und kein­er inter­essiert sich dafür, was mit uns geschehen ist.“ Eigentlich ist die Ungle­ich­heit in Eng­land in den let­zten Jahren zurück­ge­gan­gen und ist jet­zt auf dem gle­ichen Lev­el wie 1984, aber das Gefühl der Aus­gren­zung ist größer. Und es gibt einen anderen Ein­flussfak­tor. Als ich aufwuchs, dacht­en die meis­ten Eltern, dass es ihren Kindern ein­mal bess­er gehen würde als ihnen. Heute haben die Leute nicht mehr diese Zuver­sicht, dass es ihre Kinder ein­mal bess­er haben wer­den.

„Großbri­tan­nien ist nicht gegen Europa.“

Ich glaube, dass unsere Gesellschaft zu indi­vid­u­al­is­tisch gewor­den ist. Men­schen suchen nach ein­er Gemein­schaft, nach einem Leben in ein­er Gemein­schaft. Und sie suchen nach dem Geistlichen. Wer sich mit Geschichte beschäftigt, ver­ste­ht, dass wir in Europa unter­schiedliche Kul­turen haben, unter­schiedliche Sprachen, unter­schiedliche Insti­tu­tio­nen, unter­schiedliche Lit­er­atur. Die Vision von 1945, die Europäis­che Gemein­schaft für Kohle und Stahl, die ein starkes katholis­ches Ele­ment in sich trug, war eine tolle Vision. Aber während sie den Nation­al­is­mus unter­drück­te, unter­grub sie gle­ichzeit­ig den Patri­o­tismus.

Ein zen­trales Ele­ment des Brex­it ist diese Idee des Patri­o­tismus – nicht Nation­al­is­mus, son­dern Patri­o­tismus. Der Grund für das Wach­s­tum der Min­der­heit­en­parteien in Europa, von denen einige sehr hässliche Seit­en haben, ist, dass wir den Men­schen die Möglichkeit ver­weigert haben, öffentlich sagen zu kön­nen „Ich bin ein Patri­ot“, ohne dabei ein Nation­al­ist zu sein. Es ist in unserem eige­nen Inter­esse als Vere­inigtes Kön­i­gre­ich, dass es eine starke Europäis­che Union gibt. Am Ende wird der Aus­tritt Großbri­tan­niens aus der EU gut für Europa sein. Er zwingt Europa dazu, die Tat­sache zu erken­nen, dass die gegen­wär­tige Entwick­lungsrich­tung nicht nach­haltig ist.

„Ich denke, Dis­rup­tion ist ein­fach alles in unser­er Wirtschaft. Sie geht mit Inno­va­tion ein­her.“

Wenn ich darüber nach­denke, was dies alles für Oberöster­re­ich bedeutet, würde ich als Erstes sagen, dass Region­al­isierung sehr wichtig ist. Gibt es Bere­iche, über die Oberöster­re­ich wieder stärkere Kon­trolle von Wien übernehmen kön­nte? Zweit­ens, investieren wir genug in tech­nis­che Aus­bil­dung, Berufs­bil­dung und Tech­nolo­gie all­ge­mein? Und schließlich muss sich der Wohlfahrtsstaat hin zu ein­er Wohlfahrts­ge­sellschaft wan­deln, ein­er echt­en Gemein­schaft, in der Men­schen, die Hil­fe brauchen, diese auch bei anderen aus ihrer jew­eili­gen Gemein­schaft find­en kön­nen.

VITA

Lord Bri­an Grif­fiths ist ein namhafter britis­ch­er Ökonom. Er absolvierte die Lon­don School of Eco­nom­ics and Polit­i­cal Sci­ence, wo er dann auch als Pro­fes­sor tätig war, bevor er zur City Uni­ver­si­ty Lon­don wech­selte. Neben sein­er Tätigkeit als Dekan der City Uni­ver­si­ty Busi­ness School war er von 1983 bis 1985 auch der Direk­tor der Bank of Eng­land.

Als innen­poli­tis­ch­er Berater von Mar­garet Thatch­er war Bri­an Grif­fiths zwis­chen 1985 und 1990 in der „Down­ing Street Num­ber 10“ als Leit­er der Prime Minister‘s Pol­i­cy Unit tätig. Bri­an Grif­fiths war die treibende Kraft und das Mas­ter­mind hin­ter der Pri­vatisierung und den Dereg­ulierung­spro­gram­men sowie hin­ter Bil­dungs- und Rund­funkre­for­men, die zum Marken­ze­ichen des Thatch­eris­mus wur­den.

Nach dem Rück­tritt Thatch­ers ging Bri­an Grif­fiths zu Gold­man Sachs Inter­na­tion­al, wo er auch heute noch als Auf­sicht­sratsmit­glied tätig ist. Im Laufe sein­er Kar­riere befasste sich Lord Grif­fiths inten­siv mit der Beziehung zwis­chen Wirtschafts­fra­gen und christlichem Glauben und veröf­fentlichte zahlre­iche Büch­er über Finanzpoli­tik und Ethik in der Wirtschaft.

Seit 1991 ist Bri­an Grif­fiths Mit­glied des britis­chen House of Lords und sprach sich für den Aus­tritt Großbri­tan­niens aus der Europäis­chen Union aus.