Manal al-Sharif: Wenn du Ungerechtigkeit siehst, dann erhebe deine Stimme!

Das Interview beim Symposium zusammengefasst von Philipp Blom

Meine Geschichte ist wirk­lich ein­fach. Ich stand vor ein­er Her­aus­forderung: Ich war eine saud­is­che Frau, die in Sau­di-Ara­bi­en lebte. Ich war eine allein­erziehende Mut­ter, ich arbeit­ete als Inge­nieurin und zahlte meine Miete, ich hat­te einen Führerschein und ich hat­te ein Auto. Aber ich kon­nte damit nur in der geschlosse­nen Wohn­sied­lung fahren, wo ich früher gewohnt habe.

Eines Tages musste ich in die Klinik in der Stadt und ich kon­nte keinen Fahrer find­en, der mich zurück nach Hause brachte, also ging ich zu Fuß die Straße ent­lang und wurde dabei beina­he ent­führt. Wir sprechen hier über eine Per­son, die Inge­nieurin ist, die beruf­stätig ist. Es war sehr erniedri­gend für mich, dass mir Autos nach­fuhren und Leute mich beschimpften. Ein Fahrer kurbelte sog­ar das Fen­ster herunter. Das ist wie eine Ein­ladung, mitzukom­men. Ich wurde also extrem schlecht behan­delt und ich heulte auf der Straße wie ein kleines Kind.

Am näch­sten Tag sprach ich mit meinem Kol­le­gen. Ich war so wütend und er sagte, dass es kein Gesetz gebe, das mich am Aut­o­fahren hin­dert. Ich sagte, was meinst du, Frauen kön­nen nicht fahren. Er sagte, nein, es gibt kein Gesetz, und schick­te mir die Verkehrsregeln. Ich ver­brachte an diesem Tag die ganze Nacht damit, sie Zeile für Zeile zu lesen. Er hat­te Recht.

Frauen zahlen immer den höch­sten Preis. Ich wurde dazu erzo­gen, eine gute Mus­lim­in zu sein. Wir haben in den Schulen so viel gepredigt bekom­men. Dein Kör­p­er muss völ­lig bedeckt sein, du musst nah an der Wand gehen, du darf­st keine Hosen tra­gen, du kannst dir keine west­liche Frisur machen, du darf­st zu Nicht-Mus­li­men nicht „Fro­he Wei­h­nacht­en“ sagen.

„DEINE WELT WIRD SO GROß WIE DEINE VORSTELLUNGSKRAFT.“

Win­ston Churchill sagte ein­mal: Angst ist eine Reak­tion, Mut ist eine Entschei­dung. Also habe ich eine Entschei­dung getrof­fen. Wer mein Land ken­nt, weiß, dass ich als Frau in Sau­di-Ara­bi­en mein Gesicht bedeck­en muss, ich meine Stimme nicht benutzen darf, ich nicht mit Män­nern zusam­men­sitzen und reden darf. Ich wäre immer hin­ter der Tür. Und sie wür­den mich über einen Bild­schirm sehen. Gesichert. So sind wir als Frauen in meinem Land unsicht­bar. Aber manch­mal ruft einen sein Schick­sal.

Ich glaube, wenn man diesem Ruf zuhört und sich danach ver­hält, das ist der Punkt, wo man eine Entschei­dung trifft. Das ist wirk­lich wichtig. Was du für mutig hältst, ist für jemand anderen dumm. Wenn mich Leute fra­gen, wie ich den Mut dazu aufge­bracht habe, antworte ich, dass ich nicht ein­mal daran gedacht habe, dass das mutig ist. Ich hat­te ein­fach das Gefühl, dass ich etwas unternehmen musste.

Ich komme aus ein­er Gesellschaft, in der man seine Mei­n­ung nicht äußern kann und einen hohen Preis dafür bezahlt, wenn man dazu ste­ht, wer man ist. Das Mutig­ste, was ich in meinem Leben getan habe, ist, diese Fes­seln in mir selb­st zu lösen, ganz ich selb­st zu sein und zu lieben, wer ich bin. Dass ich anders bin als alle anderen. Ich denke, das war das Schwierig­ste. Es ist auch Mut, sich Sit­u­a­tio­nen zu stellen, in denen man wirk­lich gefordert ist, und man ver­sucht ein­fach, offen zu sein und zu beobacht­en. Es dauert eine Weile, bis man zurück­kehrt und wirk­lich seine Mei­n­ung ändert. Es passiert nicht sofort. Ich denke, es ist wichtig, dass wir unseren Kindern Zugang zu solchen Umge­bun­gen bieten, in denen sie wirk­lich offen sein kön­nen, und wo sie sein kön­nen, wer sie sind, für sich selb­st sprechen und es akzep­tieren kön­nen, wenn andere Men­schen völ­lig andere Sachen sagen als sie, weil wir alle indi­vidu­ell sind. Ich denke, das ist Mut, den Men­schen zu erlauben zu sein, wer sie sind, und selb­st zu sein, wer man ist. Das ist wirk­lich mutig.

VITA

Man­al al-Sharif ist eine der bedeu­tend­sten Stim­men der Frauen­rechts­be­we­gung im Nahen Osten. Um gegen das vom Königshaus ver­hängte Fahrver­bot für Frauen in Sau­di-Ara­bi­en zu protestieren, set­zte sich die mehrfach aus­geze­ich­nete Frauen­recht­sak­tivistin im Mai 2011 in der Stadt Kho­bar selb­st ans Steuer, veröf­fentlichte davon ein Video des Protests auf YouTube und wurde dafür prompt ver­haftet. Sie inspiri­erte damit eine Bewe­gung für Gle­ich­berech­ti­gung, die im saud­is­chen Königshaus zu einem Umdenken und schließlich im Juni 2018 zur Aufhe­bung des Fahrver­bots für Frauen in Sau­di-Ara­bi­en geführt hat.

Die Mit­be­grün­derin der Wom­en2­Drive-Bewe­gung sowie CEO und Grün­derin der Women2Hack Acad­e­my gibt in ihren Vorträ­gen per­sön­liche Ein­blicke in ihren Kampf gegen Unter­drück­ung und für mehr Gle­ich­berech­ti­gung, erzählt durch ihre Geschicht­en von furcht­losen Tabubrüchen. Man­al al-Sharif möchte die Men­schen inspiri­eren, mutig für ihre Überzeu­gun­gen einzuste­hen, und Verän­derun­gen vorantreiben.

Sie wurde mit dem „Václav-Hav­el-Preis for Cre­ative Dis­sent“ des Oslo Free­dom Forums aus­geze­ich­net, das TIME-Mag­a­zin zählt sie zu den „100 ein­flussre­ich­sten Men­schen der Welt“ und der UN-Men­schen­recht­srat lobte sie als „eine treibende Kraft für den Wan­del“. Ihr Best­seller „Los­fahren: Das Erwachen ein­er saud­is­chen Frau“ belegte Platz eins der „Oprah Mag­a­zine 2017 Sum­mer Read­ing List.“