ACADEMIA SUPERIOR DIALOG mit Markus Hengstschläger und Anas Schak­feh, dem ehe­ma­li­gen Präsi­den­ten der Islamis­chen Glaubens­ge­mein­schaft Öster­re­ich am 2. Mai 2012 im Süd­flügel des Linz­er Schloss­es.

Kaum ein anderes The­ma hat in den ver­gan­genen Jahren die öffentlichen Wogen so hoch gehen lassen wie jenes der Inte­gra­tion. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Inte­gra­tion bet­rifft uns alle.

Mag. Michael Strugl eröffnete den Dia­log mit Beto­nung auf die Rel­e­vanz gelebter Inte­gra­tion als einziger gang­bar­er Weg für ein friedlich­es Miteinan­der. Denn zwei Sachen ste­hen außer Stre­it: Erstens, Migra­tion ist Real­ität und zweit­ens, Inte­gra­tion ist eine Bringschuld für bei­de Seit­en. Das heißt, dass sowohl die Mehrheits­bevölkerung als auch Zuwan­der­er aktiv an der gemein­samen Zukun­ft arbeit­en müssen. Während ein großer Teil der Bevölkerung fremde Kul­turen als eine Bere­icherung des eige­nen Wertesys­tems ver­ste­ht, gibt es in diesem Land auch viele Men­schen, die dem The­ma Migra­tion mit Ablehnung begeg­nen. Diese Men­schen haben Angst. Darum muss eine ver­ant­wor­tungsvolle Poli­tik die beste­hende Sor­gen und Äng­ste der Men­schen ernst nehmen und dafür sor­gen, dass ein schwieriges The­ma wie die Inte­gra­tion nicht den pop­ulis­tis­chen Scharf­mach­ern über­lassen wird.

Die Anzahl der Mus­lime in der EU steigt. Gründe dafür sind große wirtschaftliche und poli­tis­che Verän­derun­gen, die Men­schen wer­den mobil­er, „wir kön­nen von ‘Völk­er­wan­derun­gen’ sprechen”, so Schak­feh.

„Wir datieren die Welt auf vor dem 11. Sep­tem­ber und auf die Welt danach.” – Anas Schak­feh

Vor dem 11. Sep­tem­ber, bemerkt Schak­feh, herrschte in Öster­re­ich grund­sät­zlich eine fre­undliche Atmo­sphäre den Mus­li­men gegenüber, nen­nenswerte Wider­stände und Prob­leme gab es nicht. „Nach dem 11. Sep­tem­ber wurde die Welt, vor allem der West­en, rauer und unfre­undlich­er, am wenig­sten in Öster­re­ich”, so Schak­feh. Die Atten­tate in Lon­don und Madrid ver­schlechterten das Kli­ma noch ein­mal. „In Öster­re­ich gab es Äng­ste und Befürch­tun­gen gegenüber diesen Entwick­lun­gen, denen wurde aber hierzu­lande ratio­nal und sach­lich begeg­net. Man sendete Sig­nale, um zu zeigen, dass wir anders (bess­er) sind”, sagt der ehe­ma­lige Präsi­dent der Islamis­chen Glaubens­ge­mein­schaft. „Generell hat sich Europa von diesen Radikalis­men dis­tanziert und die Europäis­che Imamekon­ferenz nimmt immer wieder gegen Fun­da­men­tal­is­mus, Ter­ror­is­mus etc. Stel­lung. Die Radikalen sind eine kleine Gruppe. Es ist gefährlich, wenn sich jemand ohne Aus­bil­dung mit den Tex­ten des Korans auseinan­der­set­zt und sie inter­pretiert. Radikalis­men entste­hen, wenn the­ol­o­gisch Ungel­ernte zu Muftis wer­den.”

Schak­fehs Stel­lung­nahme zum Ara­bis­chen Früh­ling: „Reli­gion und Islam ist hier kein The­ma. Men­schen demon­stri­eren von Kuwait bis Tune­sien für ihre Frei­heit, Gle­ich­heit, Bekämp­fung der Kor­rup­tion, soziale Gerechtigkeit und gegen tyran­nis­che For­men des Regierens. Für mich ist es eine natür­liche uns sehr pos­i­tive Entwick­lung.”
Zur Rolle der Frau meint Schak­feh, dass die Ursache nicht im Islam, son­dern bei der Stel­lung der Frau in den ver­schiede­nen Gesellschaften und Län­dern liegt und bemerkt, dass auch keine einzige Frau in der Bun­desregierung war, als er nach Öster­re­ich kam.

Sprache ein Schlüssel für Integration

Markus Hengstschläger wirft ein, dass die 2. Gen­er­a­tion von Men­schen mit Migra­tionsh­in­ter­grund in Öster­re­ich zum Teil weniger inte­gri­ert ist als die 1. Gen­er­a­tion und zum Beispiel 21% der Türkin­nen der 2. Gen­er­a­tion nicht Deutsch sprechen. Schak­feh pflichtet bei, dass es ein Sprach­prob­lem gibt und stellt sog­ar eine Ver­schlechterung fest. „Men­schen, die nicht deutsch sprechen, sind nicht hier geboren.” Er sieht die Ursache für die Ver­schlechterung der deutschen Sprachken­nt­nis bei der sozialen Entwick­lung dieser Men­schen­gruppe und beim Zugang mod­ern­er Kom­mu­nika­tions- und Infor­ma­tion­stech­nolo­gien (Satel­liten­pro­gram­men, Inter­net, etc.). Schak­feh plädiert für eine Früh­förderung der Kinder, um ihnen die Sprache möglichst zugänglich zu machen und für Schulen mit dahinge­hend bess­er aus­ge­bilde­ten Lehrerin­nen und Lehrern, um so die Entwick­lung zu verbessern. Für Schak­feh ist die Sprache ein Schlüs­sel für Inte­gra­tion. „Wir haben immer wieder aufmerk­sam gemacht, wie wichtig Sprache ist.”

Schak­feh begrüßt die Ein­rich­tung des Staatssekre­tari­ats für Inte­gra­tion, bemerkt aber, dass „Ungeduld auf bei­den Seit­en herrscht.” „Entwick­lung braucht ihre Zeit”, so Schak­feh.

„Schlechtmacherei ist keine Politik”

Die demographis­che Entwick­lung verän­dert sich ras­ant, das bringt Äng­ste und Verun­sicherung mit sich. „Has­s­parolen­predi­ger wer­den sich als die falschen Propheten beweisen. Pop­ulis­tis­che Parteien haben keine Lösun­gen, sie reden alles schlecht und sind nicht kon­struk­tiv, so macht man keine Poli­tik. Den­noch stoßen Jam­merei und Parolen auf offene Ohren, sie spie­len mit Wieder­hol­un­gen und tre­f­fen die Gefühlsebene der Men­schen.” Auf die Frage von Hengstschläger, wie sich die Inte­gra­tion der Mus­lime in Öster­re­ich in den näch­sten 50 Jahren gestal­ten wird, antwortet Schak­feh opti­mistisch: „Die Öster­re­ichis­che Gesellschaft wird die Zukun­ft bess­er bewälti­gen, als andere Völk­er und Gesellschaften.”

Der ehe­ma­lige Präsi­dent der Islamis­chen Glaubens­ge­mein­schaft wün­scht sich von der öster­re­ichis­chen Poli­tik, dass tra­di­tionelle Parteien nicht schweigen, wenn Pop­ulis­ten Parolen schwin­gen, echte Inte­gra­tion statt Uni­formierung und Investi­tio­nen in Bil­dung und Aus­bil­dung.

Eine gute Nach­barschaft ist im Islam großgeschrieben, das gibt Anas Schak­feh als let­zten Hin­weis mit, auf den wir miteinan­der bauen kön­nen.

Zur Person

Anas Schak­feh wurde 1943 in Hama (Syrien) geboren. Um ein Medi­zin- und Ara­bis­tik­studi­um an der Uni­ver­sität Wien aufzunehmen, kam er 1965 nach Öster­re­ich und wurde 1980 öster­re­ichis­ch­er Staats­bürg­er. Von 1979 bis 1989 arbeit­ete Schak­feh als Leit­er eines ara­bis­chen Sprachkurs­es im Afro- Asi­atis­chen Insti­tut in Wien, später auch als AHS-Lehrer für Islamis­che Reli­gion. Bere­its 1987 wurde er zum Vor­sitzen­den der Islamis­chen Reli­gion­s­ge­meinde Wien, Niederöster­re­ich und Bur­gen­land gewählt. 1997 wurde Schak­feh geschäfts­führen­der Präsi­dent der Islamis­chen Glaubens­ge­mein­schaft und von 2000 bis 2007 war er Präsi­dent der Islamis­chen Glaubens­ge­mein­schaft in Öster­re­ich.