Motive für Mut

Drei ganz unter­schiedliche Motive für Mut wur­den beim heuri­gen Sym­po­sium ergrün­det: Aeham Ahmad, der als Flüchtling schreck­liche Kriegser­leb­nisse durch­lebt hat, verdeut­lichte, wie Mut aus Verzwei­flung entspringt. In ein­er zer­störten Stadt, von Hunger­snot geplagt, hat­te er nichts mehr zu ver­lieren. Man­al al-Sharif hinge­gen hat­te als erfol­gre­iche Inge­nieurin alles zu ver­lieren. Den­noch set­zte sie sich ver­boten­er­weise als Frau in Sau­di-Ara­bi­en ans Steuer und demon­stri­erte mit ihrer Aut­o­fahrt Mut in der Form eines Tabubruchs. Ihre Tat ließ aufhorchen, hat­te unmit­tel­bare per­sön­liche Kon­se­quen­zen und regte gle­ichzeit­ig andere zum Umdenken und Nachah­men an. Für den Mut als Auf­begehren im Sinne von Zivil­courage macht sich Ste­fan Ruzow­itzky in seinen Geschicht­en und Fil­men stark. Seine Heldin­nen und Helden fol­gen dem Ruf des Aben­teuers, wagen den Schritt in eine fremde Welt und kehren mit neuen Erken­nt­nis­sen zurück.

Wie die Beispiele der ein­ge­lade­nen Sym­po­siums­gäste zeigen, sind die Hin­ter­gründe, die zu muti­gen Tat­en motivieren, so vielfältig und indi­vidu­ell wie die Men­schen selb­st. Gemein­sam ist ihnen der Schritt über die Schwelle ins Ungewisse; das Risiko, das ihnen kein­er nehmen kann; der Preis, den sie für ihre Tat­en völ­lig ungeachtet des Aus­gangs bere­it sind, zu zahlen: aus Verzwei­flung, um Tabus zu brechen, oder weil es das Ethos ver­langt.

Mehr Mut in der Wissenschaft

Diese Vor­bilder inspiri­eren dazu, auch im eige­nen Wirkungs­bere­ich Auss­chau zu hal­ten nach dem, was Mut macht und was mutige Schritte ver­hin­dert. In der Wis­senschaft sehen wir heute die klare Ten­denz, mehr ergeb­nisori­en­tiert als erken­nt­nisori­en­tiert zu arbeit­en. Wir sehen viele angepasste Kar­ri­eren, die Erforschung und Bear­beitung über­schaubar­er, klein­er, vielle­icht auch weniger rel­e­van­ter The­men. Was wir beim Blick auf den eige­nen Nach­wuchs manch­mal ver­mis­sen, sind echte Inno­va­tion, gesellschaft­s­an­a­lytis­che und kom­plexe Fragestel­lun­gen.

Um Forschung und Wis­senschaft in Öster­re­ich mutiger zu machen, soll­ten Studierende, ange­hende Wis­senschaf­terin­nen und Wis­senschafter oder etablierte Pro­fes­sorin­nen und Pro­fes­soren darin unter­stützt wer­den, ungewöhn­liche und mutige Pfade einzuschla­gen. Die Neugierde und Kreativ­ität in Forschung und Wis­senschaft gehören ver­stärkt gefördert. Mut in der Wis­senschaft ver­langt eine neue Denkweise, die unkon­ven­tionelle Meth­o­d­en willkom­men heißt.

Wo der Schritt in die Wis­senschaft als Wag­nis für junge Men­schen gese­hen wird und Bar­ri­eren wie befris­tete Verträge den Mut für Neues schwinden lassen, da brauchen wir eine neue Hal­tung, die mutige Forscherin­nen und Forsch­er dafür würdigt, dass sie neue Wege eingeschla­gen haben. Ein reger inter­na­tionaler Aus­tausch, inter­na­tion­al akkred­i­tierte Mas­ter- und PhD-Pro­gramme und die Ein­rich­tung ständi­ger Gast­pro­fes­suren kön­nten dazu dienen, durch Offen­heit und Ver­net­zung diesen wis­senschaftlichen Mut zu befeuern.

Plädoyer für eine zweite Chance

Forschung­spro­jek­te führen nicht immer zu einem „pos­i­tiv­en“ (im Sinn von erwün­scht­en oder erhofften) Ergeb­nis. Da der Druck enorm ist, geben viele nach solchen Erleb­nis­sen auf. Langfristig kön­nen neg­a­tive Ergeb­nisse aber sehr wertvoll sein, auch wenn sie anfangs belächelt wur­den. Langer Atem ist wichtig, Durch­hal­tev­er­mö­gen und natür­lich auch Glück, speziell bei großen Ent­deck­un­gen.

Nicht jede mutige Tat wird auch entsprechend gewürdigt oder belohnt. Risiken einzuge­hen, heißt eben auch, Nieder­la­gen einzusteck­en. Unsere Gesellschaft und auch die Wis­senschaft sind in diesen Belan­gen jedoch sehr vor­sichtig und mut­los gewor­den. Pro­jek­te wer­den erst genehmigt, wenn pos­i­tive Ergeb­nisse qua­si garantiert sind. Forschun­gen wer­den nur aufgenom­men, wenn ihre Anwend­barkeit abse­hbar ist. Doch genau hier brauchen wir mehr Risikofreude und Risikokap­i­tal.

Wir haben ver­lernt, mit Mis­ser­fol­gen oder Rückschlä­gen umzuge­hen und aus ihnen zu ler­nen. Denn wer ein­mal scheit­ert, bekommt in unseren Bre­it­en­graden in aller Regel keine zweite Chance. So entwick­eln wir uns aber wed­er in der Forschung noch als Gesellschaft aus­re­ichend weit­er. Aus Fehlern ler­nen wir und diesen Fortschritt dür­fen wir uns nicht durch sicher­heit­sori­en­tierten Irrglauben nehmen lassen. Und trotz­dem ist Vor­sicht geboten, denn allzu kom­fort­a­bel dür­fen risikobe­haftete Vorhaben auch nicht wer­den, denn son­st passiert eine falsche Selek­tion. Auch das wäre gefährlich. Ohne jede Kon­se­quenz kann eine Hand­lung nie mutig sein und wir wollen genau jene in der Wis­senschaft fördern, die wirk­lich an das glauben, was sie tun.

Mut alleine ist nicht alles

Über­rascht hat in den Diskus­sio­nen, dass Mut nicht auss­chließlich pos­i­tiv beset­zt ist. Mut braucht Kon­text. Die Einord­nung mutiger Tat­en erfol­gt geprägt vom Welt­bild und von ein­er gesellschaftlichen oder gar his­torischen Ein­schätzung. So wie Mut ohne Kon­se­quen­zen hat auch Mut ohne Kon­text keinen Wert. Es gehören weit­ere Eigen­schaften dazu, weit­ere Rah­menbe­din­gun­gen. Erst gekop­pelt mit der Ver­ant­wor­tung wird Mut zu dem, was uns imponiert und weit­er­bringt.