Vorbehalte gegen technische Berufe

Der Nachwuchsmangel bei technischen Berufen und bei MINT-Studien ist leider schon ein altes Phänomen und wird zunehmend stärker. In meiner 50 jährigen Berufszeit, davon 30 Jahre als freiberuflicher Ziviltechniker, habe ich nicht nur die Schwierigkeiten bei Nachbesetzungen in meinem Büro erlebt, sondern ich habe auch die Gründe erkannt, warum sich junge Leute einerseits nur in geringer Zahl auf ein technisches Studium einlassen und andererseits die Drop-out-Rate hoch ist. Ich kann dafür einige wesentliche Gründe anführen:

  1. Mathematik wird schon in der Mittelschule als schwierig verteufelt und meist nicht so vermittelt, dass dieser Gegenstand positiv besetzt ist.
  2. Technische Studien sind als schwierig bekannt und der dafür notwendige Zeitaufwand ist in der Praxis 4 bis 5 Semester länger als z.B. für Jus, Sozialwissenschaften oder Welthandel.
  3. Die gesellschaftliche Anerkennung von Ingenieuren ist deutlich geringer als die von Medizinern oder Advokaten. Architekten haben zwar ein gutes soziales Prestige und sind daher das einzige überlaufene technische Studium, aber die statistische Wahrscheinlichkeit eine Spitzenposition zu erreichen („Stararchitekt“) ist gering. Die gesellschaftliche Anerkennung hängt wohl sehr vom persönlichen Bedarf von Otto Normalverbraucher ab: Im privaten Leben braucht jeder eine Reihe von Ärzten und die meisten auch einen Rechtsanwalt, Notar oder Architekten, aber nur ganz wenige einen Ingenieur. Die großartige Technik, die uns umgibt, wird als etwas Selbstverständliches wahrgenommen.
  4. Im Verhältnis zur Schwierigkeit des Studiums und dessen Zeitbedarf sind die Bezahlung, insbesondere die Einstiegsgehälter nicht entsprechend. Die Gründe dafür liegen in einem unsinnigen Preiswettbewerb, dem fast alle technischen Unternehmungen unterworfen sind.
  5. Die Aussichten auf eine große Karriere sind im Vergleich zu anderen Studien (Jus, Politikwissenschaften, Medizin) eher gering. In den Vorständen großer Firmen findet man viel mehr Juristen als Techniker. Die Voest ist da die Ausnahme von der Regel.
  6. Studenten sind keine Idealisten. Sie wollen mit dem geringsten finanziellen und zeitlichen Aufwand einen raschen und lukrativen Einstieg ins Berufsleben erreichen. Man kann es ihnen nicht verdenken, wenn da ein Technikstudium nicht die erste Wahl ist.

Wie diesen Hemmnissen entgegenzuwirken ist, lässt sich eigentlich leicht ableiten. Etwas komplexer ist die Situation bei Punkt 4. Zumindest beim Bauwesen traue ich mir ein klares Urteil zu. Die Bewerbung um Aufträge bei Planung und Bauaufgaben ist trotz aller Versuche das Bestbieterprinzip zu installieren ein reiner Preiswettbewerb geblieben, außer bei Planungswett-bewerben mit Jury, die jedoch für alle Beteiligten sehr aufwendig sind. Dies deshalb, weil die (überwiegend öffentlichen) Auftraggeber fürchten müssen, man könnte ihnen mangelnde Objektivität  oder gar Korruption vorwerfen, wenn sie andere Kriterien als den Angebotspreis zur Auftragsvergabe heranziehen. Tiefstpreise sind aber kein Umfeld für attraktive Jobs!

Das Problem Bestbietervergabe ist noch immer ungelöst und man könnte lange darüber diskutieren, aber es bleibt im Problemkreis des Technikermangels sicher nur ein Teilaspekt.