Zum Thema des heurigen SURPRISE FACTORS SYMPOSIUM diskutierten vier herausragende Persönlichkeiten zwei Tage lang intensiv zu politischen, ökonomischen, sozialen, biologischen, medizinischen und künstlerischen Aspekten der Freiheit.

Wo beginnt, wo endet Freiheit?

Moderiert und geleitet wurden die Gespräche in bewährter Weise vom langjährigen Herausgeber der Harvard Business Review und Gründer der Zeitschrift „Fast Company“ Alan Webber sowie vom Wissenschaftlichen Leiter der ACADEMIA SUPERIOR, dem Humangenetiker Univ.-Prof. Dr. Markus Hengstschläger. Bereichert wurden die Diskussionen durch Beiträge des Wissenschaftlichen Beirats der ACADEMIA SUPERIOR sowie Vertreterinnen und Vertretern der YOUNG ACADEMIA, eine Delegation jener jungen Studierenden, die bereits zwei Wochen vor dem Symposium bei einem Workshop das Thema Freiheit diskutierten.

Die Freiheit, sich auszudrücken und seine Träume zu leben

Anna Kamenskaya ist russische Kosmopolitin. Geboren und aufgewachsen in Moskau, leitet sie heute eine Marketingfirma in Hong Kong. In ihrer Kindheit war die Vorstellung, in ein Flugzeug zu steigen und irgendwohin zu fliegen, noch pure Phantasie. Mit Glasnost und Perestroika eröffneten sich neue Welten, eine Freiheit, die auch ihren Preis hat.

„FRÜHER, ALS ICH GROSS WURDE, HAT IN RUSSLAND KEINER ÜBER GELD GESPOCHEN, WIESO AUCH? HEUTE GEHT ES NUR NOCH DARUM.“ – ANNA KAMENSKAYA

Die Bedeutung der freien Meinungsäußerung und sich ausdrücken zu können, erfuhr Anna erstmals in der Schule, als eine Mitschülerin auf unangenehme Fragen von Besuchern aus dem Westens über die russische Kultur konterte: „Aber eure U-Bahnen sind schmutzig.“ Redefreiheit befähigt und macht uns frei.

„Es gibt heute viele Freiheiten, aber um sie zu nutzen, kommt es auch darauf an, wie stark man selber ist.“ – Anna Kamenskaya

In Hong Kong sieht Kamenskaya das Problem, dass junge Menschen keine Perspektiven mehr haben. Früher war der Spirit da, dass man als junger Mensch alles erreichen kann, heute ist es für die meisten völlig unmöglich, sich je eine 12qm Wohnung in Hong Kong leisten zu können. Die Jungen klinken sich aus.

Mit Unverständnis begegnet die Kosmopolitin jungen Menschen in Österreich, die zwar alle Möglichkeiten hätten, aber dennoch nicht die Freiheit sehen, sie zu nutzen. Man soll sich nicht davor fürchten, seinen Traum zu leben, ist doch vieles dank technischen Fortschritts und globaler Vernetzung viel einfacher geworden.

„Gebt euch mehr Freiheit und weniger Angst!“ – Anna Kamenskaya

Innere Freiheit und die Suche nach einem neuen ökonomischen Modell

Uffe Elbaek ist dänischer Politiker und wurde innerhalb eines Jahres drei Mal für politisch tot erklärt. Mit der Besinnung auf sich selbst und die Grundwerte, für die seine Politik steht, hat er vor zwei Jahren eine neue Partei gegründet und ist damit bei den letzten Wahlen ins Parlament eingezogen.

„Freiheit ist für mich die Verbindung zwischen Hirn, Herz und Händen.“ – Uffe Elbaek

Freiheit von oder Freiheit zu? Innere Freiheit oder äußere? Freiheit für alle oder wenige? Von welcher Freiheit sprechen wir und wie manifestiert sie sich in unseren Gesellschaften und unserem Leben? Je älter Elbaeck wird, umso mehr wird ihm bewusst, dass er von seinen Eltern geprägt ist, die ihm und seinen Geschwistern vermittelt haben, ihrem Herzen zu folgen, sich treu zu bleiben, sich für das einzusetzen, woran sie glauben, die eigene Stimme zu finden und Freude bei dem zu haben, was man tun, egal was es ist.

Eine neue Partei zu gründen war nicht sein Ziel sondern vielmehr das Ergebnis eines Prozesses, der auf Bedürfnissen und Werten aufgebaut war, nicht auf Ambitionen. Ziel seines politischen Handelns ist die Auseinandersetzung mit den drei großen Krisen unsere Zeit:

„DIE DREI GROSSEN HERAUSFORDERUNGEN HEUTE SIND DIE KLIMAKRISE, DIE EMPATHIEKRISE UND DIE SYSTEMKRISE. DARAUF BRAUCHEN WIR NEUE POLITISCHE ANTWORTEN.“ – UFFE ELBAEK

Welche Werte seine neue Plattform vertritt, ist für ihn zentraler Ausgangspunkt: Mut, Bescheidenheit, Großzügigkeit, Transparenz, Empathie und Humor. Für ihn gilt es, zwei wesentliche Dinge anzusprechen: erstens, warum die Menschen über die politische Kultur so verbittert sind und zweitens, wie eine neue Ökonomie des Wachstums aussehen könnte, die wirtschaftlich, sozial und ökologisch nachhaltig und erfolgreich ist. Junge Leute nehmen heute viele Freiheiten für selbstverständlich ohne zu wissen, welche Anstrengungen und Bemühungen hinter Errungenschaften wie der EU stehen.

„Ich bin echt ein Optimist, aber zum ersten Mal in meinem Leben habe ich das Gefühl, dass das alles total schiefgehen kann mit der EU. Dem überraschenden Fall der Mauer könnte ein überraschender Aufbau neuer Mauern folgen.“ – Uffe Elbaek

Als größte Herausforderungen sieht er die beschränkten Ressourcen unseres Planeten und den immer größer werdenden Spalt zwischen arm und reich, was schon große Kulturen vor uns zerbrechen ließ. Woran die ACADEMIA SUPERIOR arbeiten soll, ist ihm klar: Die eine große Frage beantworten, welches ökonomische Modell nach dem Kapitalismus kommt, wie wir ihn kennen.

Jeder ist von irgendetwas abhängig

Gabriele Fischer ist eine renommierte Suchtforscherin und beschäftigt sich mit Menschen und Schicksalen, deren Freiheit durch Süchte beschnitten sind, denn Drogenmissbrauch ist der Feind der Freiheit. Dabei warnt sie davor, Sucht zu stigmatisieren und nur als Konsum illegaler Substanzen zu sehen, denn die gefährlichsten Abhängigkeiten sind uns in Wirklichkeit ganz nah, wie etwa Essen. So sind laut WHO heute bereits mehr Menschen über- als untergewichtig.

„Was uns weltweit am meisten beschäftigen wird, ist die Abhängigkeit von Essen.“ – Gabriele Fischer

Sucht ist auch politisch ein geladenes Thema und hier ist vielfach die Frage, wo die Freiheit des Individuums, Substanzen zu konsumieren, die Freiheit anderer oder der Gemeinschaft beeinträchtigt. Wenn der Staat Verantwortung übernimmt und eingreift, ist das mitunter sehr problematisch, wie Fischer am Beispiel der Türkei verdeutlicht, wo künftig keine Lungenkrebsbehandlungen mehr finanziert werden, weil sie laut Meinung der Politik selbst verschuldet wurden. Wo sind da die Grenzen?

„Freiheit ist eng verbunden mit Verantwortung und Toleranz, wobei Toleranz nichts mit Gleichgültigkeit zu tun hat.“ – Gabriele Fischer

Portugal sieht Fischer als ein gutes Beispiel gelungener Gesundheitspolitik im Zusammenhang mit der Legalisierung von Cannabis: Hier wurde die Drogenpolitik liberalisiert und die dadurch gewonnenen Mittel gehen eins zu eins in Präventions- und Gesundheitsmaßnahmen. Denn Liberalisierung alleine bringt nichts, es braucht ein ganzes System dazu.

„Der riskanteste Zustand im Leben ist es, verliebt zu sein.“ – Gabriele Fischer

Keiner ist frei von der Angst, zu versagen

Wolf Wondratschek ist deutsch-österreichischer Schriftsteller und Freigeist. Fragt man ihn, so sind Schriftsteller keine freien Menschen, denn sie sind immer auf der Suche nach den richtigen Sätzen, was sehr anstrengend und fordernd ist.

„Da ist immer jemand in unserem Kopf, der zu allem was wir denken oder schreiben sagt: Nein, das ist nicht gut genug.“ – Wolf Wondratschek

Das beste, oder freieste wäre, nie geboren zu werden, da geht Wondratschek ganz mit dem Philosophen Sophokles. Niemand ist frei zu entscheiden, nicht geboren zu werden, niemand ist frei, Vater und Mutter und soziale Umstände auszusuchen, in die man geboren wird, niemand ist frei in den ersten Schritten des Lebens, niemand ist frei in seinem oder ihrem Schicksal, niemand ist frei darin, was einen antreibt oder stoppt, niemand ist frei von der Angst zu versagen oder zu stürzen. Niemand ist frei in einer Welt, die von Geld regiert wird. Deshalb ist niemand frei.

„Niemand zu sein ist eine perfekte Existenz für einen Schriftsteller.“ – Wolf Wondratschek

Für Erfolg hat Wondratschek wenig übrig, denn wirklich gute Literatur fängt da an, wo man selbst nicht ganz versteht, was man schreibt. Man muss Interpretation auch der Zukunft überlassen. Zu ambitioniert zu sein oder für Geld zu schreiben, funktioniert nicht. Und zudem gibt es jetzt schon viel zu viel schlechte Kunst und Literatur, eine „Weltverschmutzung von Kunst“, sozusagen.

„Herauszufinden, wer man ist, hat überhaupt nichts mit Erfolg zu tun.“ – Wolf Wondratschek

Mut für die Freiheit

Die Studierenden der YOUNG ACADEMIA sehen Freiheit sehr facettenreich. Freiheit kann etwas, meint Sara Maric. Für sie ist die größte Fähigkeit von Freiheit, gut und böse zu erkennen, zwischen gut und böse zu unterscheiden und sich für gut oder böse zu entscheiden. Nicht die individuelle Freiheit steht für sie im Vordergrund – wie es der Generation Y oft vorgehalten wird – sondern das Ideal einer Freiheit, das nur gemeinsam erreicht werden kann, denn letztlich sind wir alle miteinander verbunden.

Anna Malis sieht ein Problem darin, Freiheit abzugrenzen, denn die eigene Freiheit endet da, wo die des anderen beginnt. Oft ist Freiheit ein Deckmantel der Feigheit, weil Freiheit eben auch Verantwortung bedeutet.

„Freiheit liegt im Auge des Betrachters.“ – Anna Malis

Manuel Molnar zitiert aus einem Film: „Freiheit ist das Recht der Seele zu atmen. Ohne Freiheit ist der Mensch eine Synkope“. Für ihn ist Freiheit ein Grundwert, der in allen EU Staaten geteilt wird, ein gemeinsamer Nenner. Dennoch gibt es andere Auslegungen, die besonders in der Flüchtlingskrise sichtbar werden und hier sieht der junge Student einen Mangel an europäischem Leadership. Besonders wichtig ist ihm auch die persönliche Freiheit, Fehler zu machen und dass es möglich und attraktiv sein muss, unternehmerisch tätig zu sein.

Für Silvia Höller ist Freiheit keine Selbstverständlichkeit, so wie für viele Österreicherinnen und Österreicher, die nicht wissen, was sie eigentlich alles haben. Sicherheit und Freiheit sind für sie keine Gegensätze sondern eng miteinander verbunden und müssen auch für die Zukunft gesichert werden.

Zukunft beginnt mit unseren Gedanken

Für Michael Strugl spielt sich politisches Handeln zwischen zwei Polen ab: Die einen, für die der Staat eine Fürsorgepflicht hat, der den Menschen sagt, was sie wollen sollen. Die anderen, für die sich der Staat in nichts einzumischen hat. Dahinter stehen unterschiedliche Bilder einer Gesellschaft.

„Wir leben in einer Gesellschaft, die immer mehr vereinzelt. Das macht unfrei.“ – Michael Strugl

Auch Angst macht unfrei. Populismus und populistische Politik machen abhängig und damit unfrei. Politik sollte Mut und Zuversicht geben, die Courage, Entscheidungen zu treffen, auch unpopuläre, wenn sie richtig sind. Das wäre Freiheit im besseren Sinn, doch ist sie in einer Demokratie auch mehrheitsfähig?

Für Josef Pühringer ist die entscheidende Frage, ob die EU an den großen Fragen erstarken wird und sich behauptet oder nicht. Denn Herausforderungen wie die Flüchtlingsströme lassen sich nur mit europäischer Solidarität lösen.

„Wenn Solidarität in der EU funktionieren würde, gäbe es kein Problem mit den Flüchtlingen.“ – Josef Pühringer

„Zukunft beginnt mit unseren Gedanken. Skizzieren wir sie,“ so lautet der Leitsatz der ACADEMIA SUPERIOR. Für Alan Webber ist klar: wir müssen unser eigenes Denken herausfordern, sonst bleiben wir in alten Modellen und alten Zugängen stecken.

„Wir verstricken uns in den Komplikationen und sehen die Schlichtheit der Freiheit nicht.“ – Alan Webber

Wir leben in einem Zeitalter radikaler Veränderungen: soziale, politische und wirtschaftliche. Wir probieren es mit der alten Software, brauchen aber ein völlig neues Betriebssystem. Wir brauchen neue Modelle, hybride Modelle, nicht entweder – oder, sondern die Kombination zu Neuem. Es gibt heute viele Gefahren, die Welt ist nicht nachhaltig, Dinge ändern sich, Möglichkeiten ändern sich, deshalb dürfen wir keine Angst vor Veränderung haben. Denn genau darin stecken die Lösungen.

Ein Kompass für die Zukunft

Welche Werte müssen wir neu kalibrieren für einen Kompass, der den Weg in die Zukunft weist? Respekt, Proportionalität (wie viel ist genug?), Dankbarkeit, Sinn und Zweck, meint Alan Webber. Deshalb ist die Idee von einem Kompass genau richtig: Ein Kompass für Oberösterreich, der in Zeiten großer Veränderung vielleicht keine Antworten gibt, aber zumindest einen Leitfaden, an dem man sich festhalten kann um sich weiterzuentwickeln und gemeinsam Zukunft zu gestalten.

Diese Veranstaltung wurde unterstützt von der Hofer KG und der Energie AG.