Surprise Fact: Männer lesen Romanheldinnen und der Markt unterschtätzt es

Take Away: Das Geschlecht der Haupt­fig­ur ist für männliche Leser kein entschei­den­der Fak­tor. Eine zen­trale Annahme des Buch­mark­ts hält empirisch­er Über­prü­fung nicht stand.

Ver­lage kalkulieren seit Jahrzehn­ten mit ein­er schein­bar plau­si­blen Regel: Män­ner greifen eher zu Büch­ern mit männlichen Pro­tag­o­nis­ten, Frauen bevorzu­gen weib­liche Haupt­fig­uren. Diese Annahme bee­in­flusst Cov­ergestal­tung, Mar­ket­ingstrate­gien und sog­ar Pro­gram­mentschei­dun­gen. Eine aktuelle Studie stellt diese Logik nun grundle­gend infrage.

In ein­er kon­trol­lierten Unter­suchung mit 3.000 Teil­nehmerin­nen und Teil­nehmern in den USA erhiel­ten die Befragten zufäl­lig vari­ierte Kurzbeschrei­bun­gen von fik­tiv­en Büch­ern. Der einzige sys­tem­a­tis­che Unter­schied: das Geschlecht der Haupt­fig­ur. So ließ sich isoliert messen, ob allein diese Infor­ma­tion die Leseentschei­dung beeinflusst.

Das Ergeb­nis ist ein­deutig – und über­raschend. Bei männlichen Lesern zeigt sich prak­tisch kein Effekt. Die sta­tis­tis­che Wahrschein­lichkeit, dass das Geschlecht der Haupt­fig­ur ihre Entschei­dung bee­in­flusst, liegt bei rund 0,008; das 95-prozentige Kon­fi­den­z­in­ter­vall reicht von ‑0,036 bis 0,051. Der Effekt ist damit nicht sig­nifikant. Anders for­muliert: Män­ner entschei­den sich nicht sys­tem­a­tisch anders, nur weil es die Geschichte ein­er Roman­heldin ist.

Bei Frauen hinge­gen find­et sich ein leichter, aber sta­tis­tisch belast­bar­er Präferenz-Effekt zugun­sten weib­lich­er Pro­tag­o­nistin­nen (Effekt 0,062; 95-prozentiges Kon­fi­den­z­in­ter­vall [0,017; 0,106]). Die Ten­denz ist mess­bar, aber mod­er­at und damit weit ent­fer­nt von ein­er starken Abschot­tung ent­lang geschlechtlich­er Linien.

Der eigentliche Über­raschungsef­fekt liegt in der Diskrepanz zwis­chen Mark­ter­wartung und empirisch­er Evi­denz. Die ver­bre­it­ete Sorge, Büch­er mit weib­lichen Haupt­fig­uren kön­nten männliche Leser abschreck­en, lässt sich durch die Dat­en nicht stützen. Das Geschlecht der Fig­ur ist für Män­ner kein sys­tem­a­tis­ches Auswahlkriterium.

Für Ver­lage bedeutet das mehr als eine Detailko­r­rek­tur. Wenn zen­trale Ziel­grup­pen weniger geschlechtssen­si­bel reagieren als angenom­men, eröffnet das inhaltlichen Spiel­raum. Pro­gramm­pla­nung, Sicht­barkeit von Autorin­nen und Diver­sität in Fig­urenkon­stel­la­tio­nen müssen nicht primär als Absatzrisiko betra­chtet werden.

Die Studie zeigt damit exem­plar­isch, wie daten­basierte Analyse kul­turelle Rou­ti­nen hin­ter­fra­gen kann. Nicht jede intu­itive Mark­t­logik ist empirisch halt­bar und manch­mal ist die größte Über­raschung, dass die Leser­schaft offen­er ist als ihr Ruf.

Quelle:

Bologna, F., Lund­berg, I. und Wilkens, M. (2025): Causal Effect of Char­ac­ter Gen­der on Read­ers’ Pref­er­ences. In: Arnold, T., Fan­toli, M. und Ros, R. (Hrsg.): Com­pu­ta­tion­al Human­i­ties Research, Vol. 3, S. 62–75. Anthol­o­gy of Com­put­ers and the Human­i­ties. https://doi.org/10.63744/hEF2pUnudmPh