
Die Debatte um ein Social-Media-Verbot für Jugendliche wird häufig entlang kultureller oder normativer Linien geführt. Eine in PNAS Nexus veröffentlichte randomisierte kontrollierte Studie von Castelo et al. verschiebt diese Diskussion jedoch auf eine empirisch belastbare Grundlage. Ihre zentrale Erkenntnis ist eindeutig: Die permanente mobile Verfügbarkeit des Internets beeinträchtigt Aufmerksamkeit, mentale Gesundheit und subjektives Wohlbefinden kausal – unabhängig von spezifischen Plattformen oder Inhalten.
In einem vierwöchigen Cross-Over-Experiment mit 467 Teilnehmenden wurde der mobile Internetzugang auf Smartphones für jeweils zwei Wochen vollständig blockiert, während Telefonie, SMS und Internetnutzung über andere Geräte erlaubt blieben. Bereits nach dieser kurzen Intervention zeigten sich signifikante Effekte in allen drei primären Zielvariablen. Die objektiv gemessene Fähigkeit zur Aufrechterhaltung von Aufmerksamkeit verbesserte sich in einer Größenordnung, die dem altersbedingten Abbau von rund zehn Jahren entspricht. Symptome von Depression und Angst gingen deutlich zurück; der Effekt lag über dem durchschnittlichen Effekt pharmakologischer Antidepressiva. Insgesamt verbesserten sich 91 % der Teilnehmenden in mindestens einem der untersuchten Bereiche.
Der wissenschaftliche Mehrwert der Studie liegt nicht nur in der Effektstärke, sondern vor allem in der Kausalität. Während ein Großteil der bisherigen Forschung auf Korrelationen zwischen Bildschirmzeit und psychischer Gesundheit beschränkt blieb, isoliert diese Untersuchung gezielt den strukturellen Kern digitaler Überlastung: den jederzeitigen, ortsunabhängigen Zugang zum mobilen Internet. Die Ergebnisse zeigen, dass Aufmerksamkeitseinbußen nicht primär durch Inhalte, sondern durch permanente potenzielle Unterbrechung entstehen. Aufmerksamkeit reagiert dabei unmittelbar auf die Reduktion digitaler Verfügbarkeit und nicht – wie Wohlbefinden und mentale Gesundheit – über vermittelnde Faktoren wie Schlaf, Bewegung oder soziale Interaktion.
Diese Differenzierung ist für die politische Einordnung zentral. Sie legt nahe, dass Regulierungsansätze, die ausschließlich auf problematische Inhalte oder einzelne Plattformen zielen, an der eigentlichen Wirkungslogik vorbeigehen. Entscheidend ist nicht, was genutzt wird, sondern dass es jederzeit genutzt werden kann. Permanente Erreichbarkeit fungiert als kognitiver Stressor, der Selbstregulation systematisch untergräbt.
Vor diesem Hintergrund erhält das von der österreichischen Bundesregierung erwogene Social-Media-Verbot für unter 14-Jährige eine starke empirische Stütze. Zwar untersucht die Studie Erwachsene, doch ihr zentraler Mechanismus ist entwicklungspsychologisch besonders relevant für Kinder und Jugendliche. Gerade jene Fähigkeiten, die durch mobiles Internet nachweislich belastet werden – Aufmerksamkeitssteuerung, Impulskontrolle, Selbstregulation –, befinden sich im Jugendalter noch im Aufbau. Aus regulatorischer Perspektive spricht dies nicht gegen, sondern für altersbezogene Einschränkungen: Je geringer die individuelle Selbststeuerung, desto größer die Schutzwirkung struktureller Begrenzungen.
Hinzu kommt ein zweiter, politisch relevanter Befund: Die positiven Effekte traten selbst dann auf, wenn die Intervention nicht konsequent eingehalten wurde. Nur rund ein Viertel der Teilnehmenden erfüllte die strengen Compliance-Kriterien vollständig, dennoch zeigten sich signifikante Verbesserungen in den Intention-to-Treat-Analysen. Regulierung wirkt somit nicht erst bei perfekter Durchsetzung, sondern bereits durch die Verschiebung sozialer und technologischer Standards. Übertragen auf Jugendliche bedeutet dies: Ein Social-Media-Verbot entfaltet seine Wirkung nicht primär durch Sanktionierung, sondern durch Normsetzung und Reizreduktion.
Die Studie macht damit einen weiterführenden regulatorischen Gedanken plausibel. Digitale Politik sollte nicht allein als Inhaltskontrolle verstanden werden, sondern als Gestaltung von Verfügbarkeitsstrukturen. Altersgrenzen für Social Media wären in diesem Sinne kein Ausdruck digitalen Paternalismus, sondern vergleichbar mit etablierten Schutzmechanismen in anderen Risikobereichen – etwa im Straßenverkehr oder beim Zugang zu psychoaktiven Substanzen.
Die zugespitzte Schlussfolgerung lautet daher: Wenn selbst bei Erwachsenen messbare kognitive und psychische Gewinne durch die Einschränkung permanenter mobiler Vernetzung erzielt werden, dann ist es aus wissenschaftlicher Sicht rational, Kinder und Jugendliche präventiv davor zu schützen. Das Social-Media-Verbot für unter 14-Jährige erscheint damit weniger als gesellschaftspolitisches Signal, sondern als evidenzbasierte Infrastrukturmaßnahme zur Sicherung kognitiver Entwicklung.
Quelle:
- Castelo, N., Kushlev, K., Ward, A. F., Esterman, M. & Reiner, P. B. (February 2025): Blocking mobile internet on smartphones improves sustained attention, mental health, and subjective well-being. PNAS Nexus, 4(2), pgaf017. Oxford: Oxford University Press. https://doi.org/10.1093/pnasnexus/pgaf017

