Die Begriffe Künstliche Intelligenz, Machine Learning und Deep Learning werden oft synonym verwendet, was der Entwicklung auf dem Gebiet nicht gerecht wird. KI ist schon über 60 Jahre alt. Anfangs verstand man darunter meist maschinelles Lernen (Erfahrungslernen aus Beispielen) und Expertensysteme (formale Aufbereitung von Expertenwissen). „Neuronale Netze“ versuchen, die Funktion des menschlichen Gehirns zu modellieren, und können ohne vorherige Abstraktion oder Regelwerke z.B. komplexe Muster erkennen. Ein Problem ist ihr „Black Box“-Verhalten: Die Ergebnisse sind nicht immer nachvollziehbar. „Deep Learning“ ist eine neue Form neuronaler Netze, die dank stark verbesserter Algorithmen (und leistungsfähigerer Computer) Ergebnisse erzielt, die derzeit mit anderen Methoden nicht erreichbar sind.

„MAN KANN NUR MIT GROSSEN DATENMENGEN GENAUE ERGEBNISSE ERZIELEN.“

Künstliche Intelligenz nachvollziehbar machen

Ein zentraler Punkt für die Akzeptanz und für den verantwortungsvollen Einsatz von KI besteht darin, dass wir Entscheidungen von Maschinen verstehen, nachvollziehen und bis zu einem gewissen Grad auch vorhersagen und natürlich vertrauen können. Die Genauigkeit von Algorithmen wächst durch die Menge an Daten – je mehr Daten umso präziser das Ergebnis. Kein Mensch ist in der Lage, so viel Information wie ein Computer im Gehirn anzusammeln. Deshalb werden die Computer langfristig bei der Auswertung großer Informationsmengen gewinnen.

Die Frage ist, welche Rolle Künstliche Intelligenz im Leben der Menschen spielen wird. Einerseits werden den Menschen viele Tätigkeiten abgenommen, wie etwa die Steuerung von Maschinen, die Erstellung von Befunden in der Medizin, das eigenständige Führen von Bankkonten etc. Andererseits wird durch Datenanalysen eine weitgehende Überwachung und genaue Kenntnis des Einzelnen möglich. Das wird vielleicht zu einer Reduktion der menschlichen Entscheidungsfreiheit führen.

Privatsphäre ist ein junges Phänomen

Privatsphäre ist eine wichtige Entwicklung der letzten Jahrhunderte. Die heutigen Vorstellungen von Privatsphäre entwickelten sich gemeinsam mit dem Humanismus, dem Liberalismus, dem Individualismus und dem Bürgertum. Die Bedeutung der Privatsphäre ist mit der Wertigkeit der Eigenständigkeit und der Persönlichkeit eines Menschen verknüpft und bestimmt zu einem wesentlichen Teil das Menschsein. Die Menschen sollten daher um den Wert der Privatsphäre kämpfen und sie nicht leichtsinnig aufgeben. Ohne Privatsphäre werden wir viel leichter manipuliert und ferngesteuert. Die Freiheit und Eigenständigkeit des Menschen im freien Willen garantiert zu sehen, ist nach den neuesten Erkenntnissen der Gehirnforschung kein zuverlässiger Weg.

„SIND UNSERE ERWARTUNGEN AN KI ZU GROSS?“

Letztlich wird es die entscheidende Frage sein, ob es der Menschheit gelingt, die neuen digitalen Methoden und Instrumente für ihre eigene positive Entwicklung zu nutzen, oder ob sich die Menschen zu hybriden Mensch-Maschine-Wesen weiterentwickeln.

Soziale Roboter als Chance und Herausforderung

Auch wenn wir sagen, soziale Roboter haben keine Emotionen, so können sie Emotionen simulieren und Menschen werden dies als Emotionen bei Robotern wahrnehmen. Wenn einem jemand Freundlichkeit vortäuscht, akzeptiert man das auch. Es geht hier also mehr um die Empfindung auf Seiten der Menschen als bei den Robotern. Die Entwicklung sozialer Roboter wird durch die starke Zunahme alter Menschen in den hoch entwickelten Ländern von großer Bedeutung sein. Diese Roboter können einen sehr positiven Beitrag zur Unterstützung bei der Pflege und Kommunikation leisten. Wenn soziale Roboter aber in Bereichen eingesetzt werden, wo sie arbeitsfähigen Menschen ihre Arbeitsmöglichkeit wegnehmen, wird es problematischer. Die ökonomische Überbewertung von Robotern würde den Menschen in seinem Menschsein degradieren. Das müssen wir verhindern.

Digitale Technologien verändern den Menschen

Der Mensch ist zum überwiegenden Teil ein analoges Wesen. Unsere Lernprozesse im sozialen wie auch intellektuellen Bereich sind analog, ebenso unsere Kommunikation z.B. über Sprache oder über die Handschrift. Nach Meinung mancher Expertinnen und Experten führt die dominante Nutzung digitaler Techniken in allen unseren Lebensbereichen zu einer Veränderung und in den meisten Fällen zu einer Reduktion von Kreativität, Empathie und unseren urmenschlichen Eigenschaften. Doch genau diese sind auch die Eigenschaften, die Neues entstehen lassen und technologischen Fortschritt erst möglich machen. Hier die richtige Kombination zu finden, wird herausfordernd und ist auch eine Frage der Strategie.

China hat eine Langzeitstrategie

Im Wettbewerb der Weltregionen um den digitalen Fortschritt ist China in einem starken Aufholprozess. Der große Unterschied zwischen Europa und China war immer, dass China Langzeitstrategien hat. Das ist ein großer Vorteil bei der technologischen Entwicklung. Vielleicht ist das etwas, das wir im Sinne der „Predictive Futures“ lernen können: Welche Position wollen wir in Zukunft in der Welt bei diesen Themen einnehmen und wie können wir das erreichen? Diese Frage sollte Europa für sich definieren.

Fragestellungen für die Zukunft

In Bezug auf die wichtigen Herausforderungen, vor denen die Menschheit steht, könnte KI entscheidend zur Lösung beitragen. Wird es den Menschen etwa mit Hilfe der Künstlichen Intelligenz möglich sein, das Klima noch besser zu verstehen und damit die notwendigen Maßnahmen zum Erhalt eines lebenswerten Ökosystems auf der Erde zu setzen? Kann uns KI dabei helfen, weitere globale Fragen wie die Verteilung von Wasser und Nahrung ohne Krieg und durch Verhandlungen zu lösen?

Das von KI erwartete Potenzial ist groß, ob sie es ausfüllen wird, ist noch offen, und so bleibt noch großer Bedarf für weitere Forschung und Erkenntnisgewinnung.