MUT.Talk — Geschlechtergerechtes Lernen: Ein Bildungssystem für alle!?

MUT.Talk

Beim #2 MUT.Talk an der Johannes Kepler Uni­ver­sität Linz disku­tierten Exper­tin­nen und Experten aus Wis­senschaft, Bil­dung­sprax­is, Poli­tik und Wirtschaft, wie geschlechter­spez­i­fis­che Unter­schiede im Ler­nen wis­senschaftlich fundiert in Bil­dung­sprozesse inte­gri­ert wer­den kön­nen. Die Ver­anstal­tung wurde vom Think Tank ACADEMIA SUPERIOR gemein­sam mit dem Frauen­net­zw­erk MUT­macherin­nen organisiert.

Aus­gangspunkt der Diskus­sion waren aktuelle empirische Befunde, die zeigen, dass Leis­tung­sun­ter­schiede zwis­chen Schü­lerin­nen und Schülern stark vom jew­eili­gen Lernkon­text abhän­gen und nicht als naturgegeben ver­standen wer­den kön­nen. Gle­ichzeit­ig wurde betont, dass päd­a­gogis­che Inter­ven­tio­nen stets auch unbe­ab­sichtigte Neben­wirkun­gen haben kön­nen, etwa in Form erhöht­en Leis­tungs­drucks oder psy­chis­ch­er Belastungen.

In ihren Gruß­worten hoben die stel­lvertre­tende Obfrau von ACADEMIA SUPERIOR, LAbg. Mag.a Hele­na Kirch­mayr, sowie die Präsi­dentin der MUT­macherin­nen, Daniela Huf­nagl, die Bedeu­tung von Chan­cen­gle­ich­heit, frühkindlich­er Erziehung und der Ver­ant­wor­tung der Eltern her­vor. Bil­dung sei eine gesamt­ge­sellschaftliche Auf­gabe, die weit vor dem Ein­tritt von Kindern in das for­male Schul­sys­tem beginne.

Halla: Komplexität erkennen und Kompetenzerhebungen intensivieren

Die Diskus­sion eröffnete die Frage nach biol­o­gis­chen Unter­schieden zwis­chen Schü­lerin­nen und Schülern. In diesem Zusam­men­hang ver­wies Univ.-Prof. Dr. Mar­tin Hal­la darauf, dass es entwick­lungs­be­d­ingte Unter­schiede gibt: Burschen entwick­eln sich langsamer als Mäd­chen, wobei der Abstand im Alter zwis­chen zehn und vierzehn Jahren beson­ders aus­geprägt sei. Als augen­zwinkernde Bemerkung führte Hal­la an, dass eine spätere Ein­schu­lung von Burschen the­o­retisch denkbar wäre.

Die Bil­dung ist weib­lich. 50 Prozent der Mat­u­ran­tinnen und Mat­u­ran­ten sind Frauen und 60 Prozent der Absol­ventin­nen und Absol­ven­ten von Bachelorstudien.
— Mar­tin Halla

Entschei­den­der seien jedoch struk­turelle Fak­toren. „Die Bil­dung ist weib­lich. 50 Prozent der Mat­u­ran­tinnen und Mat­u­ran­ten sind Frauen und 60 Prozent der Absol­ventin­nen und Absol­ven­ten von Bach­e­lorstu­di­en. Dieser Trend ist seit 2000 unge­brochen“, erk­lärte Hal­la. Maßge­blich sei dabei die soge­nan­nte Bil­dung­spro­duk­tions­funk­tion, die durch den famil­iären Hin­ter­grund, Mitschü­lerin­nen und Mitschüler sowie ver­füg­bare Ressourcen geprägt werde. Um diese Zusam­men­hänge adäquat erfassen zu kön­nen, brauche es ver­stärk­te Kom­pe­ten­z­er­he­bun­gen, da Schul­noten hier­für nur eingeschränkt geeignet seien. „Es benötigt eine Art ‚kleine Zen­tral­matu­ra‘ bei sechs- oder achtjähri­gen Schü­lerin­nen und Schülern, um Kom­pe­ten­zen festzustellen und entsprechend agieren zu kön­nen“, so der Ökonom.

Weiermann: Verpflichtendes Kindergartenjahr und mehr Schülerinnen in HTLs umsetzen

Aus der Per­spek­tive der schulis­chen Prax­is betonte Prof.in Mag.a Anja Weier­mann die zen­trale Bedeu­tung der Ele­men­tar­bil­dung für Chan­cen­gle­ich­heit. Frühkindliche Bil­dung präge das Lern- und Bil­dungsver­hal­ten von Schü­lerin­nen und Schülern bis in höhere Bil­dung­sein­rich­tun­gen hinein. Vor diesem Hin­ter­grund sprach sich die Direk­torin des Linz­er Tech­nikums klar für ein verpflich­t­en­des Kinder­garten­jahr aus.

Ich möchte den Frauenan­teil bei Schü­lerin­nen und Schülern von derzeit 7 Prozent auf 10 Prozent steigern.
— Anja Weiermann

Für ihre Schule for­mulierte Weier­mann zudem ein konkretes Ziel: „Ich möchte den Frauenan­teil bei Schü­lerin­nen und Schülern von derzeit 7 Prozent auf 10 Prozent steigern.“ Gle­ichzeit­ig hob sie die Rolle von Mäd­chen im schulis­chen All­t­ag her­vor. „Bei unserem inter­nen Tutorin­nen- und Tutoren­sys­tem sind Mäd­chen viel engagiert­er und geben gerne Nach­hil­fe“, betonte Weiermann.

Überwimmer: Lernportfolien entwickeln und internationale Frauen gewinnen

Wie sich Chan­cen­gle­ich­heit und geschlechterg­erecht­es Ler­nen im ter­tiären Bil­dungssek­tor umset­zen lassen, erörterte DIin Dr.in Mar­garethe Über­wim­mer, Pro­fes­sorin an der FH Oberöster­re­ich in Steyr. Aus ihrer Sicht hät­ten starre Stereo­type aus­ge­di­ent; notwendig sei vielmehr ein Port­fo­lio unter­schiedlich­er Lern­for­mate, das geschlechterun­ab­hängig ange­boten werde. „Wir haben mit InnoCamp36 an der FH Oberöster­re­ich eine Ini­tia­tive, die unter­schiedliche Lern­typen gemein­sam mit Unternehmen entwick­elt und die ver­schiede­nen Rollen von Lehren­den und Ler­nen­den berück­sichtigt“, erk­lärte Über­wim­mer. Gle­ichzeit­ig ortete sie Nach­holbe­darf bei der Willkom­men­skul­tur für inter­na­tionale Stu­dentin­nen und Stu­den­ten: „Wir sind nicht ready für inter­na­tion­al“, merk­te die ehe­ma­lige Dekanin der Fakultät für Man­age­ment aus ihrer inter­na­tion­al geprägten Per­spek­tive an.

Wir sind nicht ready für international
— Mar­garethe Überwimmer

Die Rel­e­vanz des The­mas für Wirtschaft und Arbeitswelt wurde schließlich aus Unternehmenssicht aufge­grif­f­en. Als Vertreterin des Spon­sors Energie AG Oberöster­re­ich betonte MMag. San­dra Brand­stet­ter, MBA, die Bedeu­tung von Diver­sität für die Unternehmen­skul­tur. Ins­beson­dere Frauen müssten ihre Stärken im Unternehmen ent­fal­ten kön­nen. Im Bere­ich der Lehrlingsaus­bil­dung ver­wies sie auf die Ini­tia­tive „Green­Tech­Girls“, die sich gezielt an acht- bis dreizehn­jährige Mäd­chen richtet und den Ein­stieg von Schü­lerin­nen in tech­nis­che Lehrberufe fördern soll.

Unter der Mod­er­a­tion von Doris Schulz entwick­elte sich eine inten­sive Diskus­sion zwis­chen Podi­um­steil­nehmerin­nen und Podi­um­steil­nehmern sowie dem Pub­likum. Ein bre­it­er Kon­sens bestand hin­sichtlich der Bedeu­tung von Ele­men­tar­bil­dung, Sprachkom­pe­tenz und evi­denzbasiert­er Evaluierung. Diskus­sions­be­darf zeigte sich hinge­gen bei aktuellen Stu­di­en, wonach Mäd­chen in koe­duka­tiv­en Set­tings schlechter abschnei­den als in reinen Mäd­chen­schulen. Auch die Idee, einzelne Fäch­er wie Math­e­matik geschlechter­ge­tren­nt zu unter­richt­en, fand keine ein­hel­lige Zustimmung.

Der MUT.Talk verdeut­lichte damit, dass geschlechterg­erecht­es Ler­nen keine ein­fache Rezeptlö­sung ken­nt, son­dern ein kon­tinuier­lich­es Zusam­men­spiel von Forschung, Prax­is, Poli­tik und Gesellschaft erfordert.

Sponsor Energie AG; Partnerinnen MUTmacherinnen