Am 10. Juni 2026 fand der 29. DIALOG der ACADEMIA SUPERIOR im Südflügel des Linzer Schlosses statt. Im Mittelpunkt stand eine der zentralen Zukunftsfragen unserer Gesellschaft: Wie kann Demokratie unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen bestehen und weiterentwickelt werden?
Zuversicht als demokratische Ressource
ACADEMIA-SUPERIOR-Obfrau LH-Stv.in Mag.a Christine Haberlander verwies in ihrer Eröffnung auf eine aktuelle Umfrage, wonach 70 Prozent der Oberösterreicherinnen und Oberösterreicher zuversichtlich in die Zukunft blicken. Gerade diese Zuversicht gelte es zu stärken. In digitalen Medien, so Haberlander, reiche oft „das Erzählte“, während „nicht das Erreichte zählt“. Dem setzte sie den Gedanken entgegen, dass Verbesserungen in der Welt „immer selber zu machen“ seien und „Zutrauen, Vertrauen, Sicherheit und eben auch Zuversicht“ voraussetzten.
Auch HYPO-OÖ-CEO Mag. Klaus Kumpfmüller, Vertreter des Veranstaltungspartners, ordnete die Debatte international ein. Die Zustimmung zum demokratischen System habe sich weltweit seit 2018 halbiert, nur 35 Prozent der Befragten einer internationalen Studie seien damit noch zufrieden. Demokratie dürfe daher nicht als selbstverständlich gelten, sondern müsse gemeinsam weiterentwickelt werden.
Verunsicherung trotz funktionierender Gesellschaft
Im Gespräch mit Univ.-Prof. Dr. Markus Hengstschläger skizzierte Prof. Dr. Harald Welzer einen Erklärungsansatz für die sinkende Zustimmung zu System und Demokratie. In Mitteleuropa hätten wir es zwar mit gut funktionierenden Gesellschaften zu tun, zugleich sei die traditionell hohe Erwartungssicherheit nicht mehr stabil. Daraus entstehe eine tiefe Verunsicherung, die sich als neue Grundierung der Alltagserfahrung zeige.
Trotz dieser Krisenerfahrungen blieb Welzer in seiner Analyse zuversichtlich. Die meisten Menschen seien weiterhin mitfühlend und hilfsbereit. „Die Menschen sind okay“, fasste der Sozialpsychologe und Bestsellerautor pointiert zusammen.
Wissenschaft, Öffentlichkeit und Urteilskraft
Ein zentrales Thema des Gesprächs war die Frage, wie Vertrauen in Wissenschaft gestärkt werden kann. Welzer beschrieb eine durch Social Media geprägte Medienentwicklung, in der Qualitätsjournalismus immer weniger Raum bekomme. „Skandalisierung, Personalisierung und Dekontextualisierung“ führten zu einem Journalismus, der sich vor allem daran orientiere, „was gut klickt“.
Zugleich nahm Welzer auch die Wissenschaft selbst in die Pflicht. Daten, Diagramme und Wissensbestände hätten noch keine unmittelbaren Handlungskonsequenzen. Entscheidend sei vielmehr, wie Wissen in Routinen, Erfahrungen und Alltagspraxis übersetzt werde.
Demokratie braucht analoge Räume
Welzer brach eine Lanze für Diskurs, Auseinandersetzung und die Pluralität von Meinungen. „Es ist fatal, wenn ich eine Verengung von Meinungen zulasse“, mahnte er. Demokratie brauche Orte, an denen unterschiedliche Sichtweisen ausgehalten und verhandelt werden können.
„Es ist fatal, wenn ich eine Verengung von Meinungen zulasse.“ — Harald Welzer
Als Beispiel nannte Welzer die Bibliothek von Helsinki, die nicht nur Bücher verleihe, sondern auch zum Verweilen einlade. Solche Rückzugs- und Begegnungsräume bezeichnete er als „zentrale Organe der Demokratie“. Demokratie könne man nicht nur lernen, sondern müsse sie leben, und zwar analog.
Ein europäisches soziales Netzwerk als Zukunftsidee
Kritisch äußerte sich Welzer zum derzeitigen Regime von Social Media. „Diese Algorithmen machen Menschen schlechter“, sagte der Sozialpsychologe. Sie beeinflussten nicht nur die Impulskontrolle, sondern vor allem auch die Urteilskraft. Gerade diese Urteilskraft sei jedoch wesentlich für eine reife Auseinandersetzung mit Demokratie.
Als konkreten Lösungsansatz nannte Welzer ein öffentlich-rechtliches europäisches soziales Netzwerk. Es könne eine Antwort auf ein konzernorientiertes Internet sein und digitale Öffentlichkeit stärker am Gemeinwohl ausrichten.
Demokratie als gelebte Praxis
Zum Abschluss erinnerte Christine Haberlander an die Bedeutung von Wohlwollen im politischen Diskurs und daran, dass „Kompromiss eine gute Lösung ist“. Der Abend zeigte eindrucksvoll, dass Demokratie nicht allein von Institutionen abhängt. Sie entsteht dort, wo Menschen bereit sind, unterschiedliche Sichtweisen auszuhalten, Verantwortung zu übernehmen und gesellschaftlichen Wandel gemeinsam zu gestalten.
„Kompromiss ist eine gute Lösung.“ — Christine Haberlander



