Wie bleibt die Gesundheitsversorgung in Oberösterreich auch morgen tragfähig, resilient und solidarisch? Diese Frage stand im Mittelpunkt der Abendveranstaltung „Gesundheit 2040 — Transformation der Gesundheitsversorgung in Oberösterreich”, zu der ACADEMIA SUPERIOR am 9. Juli 2026 in den Ursulinenhof Linz lud.
Moderiert von Barbara Rohrhofer, Redaktionsleiterin Gesundheit der Oberösterreichischen Nachrichten, diskutierten Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Gesundheitssystem und öffentlicher Verwaltung zentrale Weichenstellungen für ein zukunftsfähiges Gesundheitssystem. Die Veranstaltung präsentierte das Policy Paper „Gesundheit 2040“ und zeigte damit Zukunft nicht als fertigen Zustand, sondern als gemeinsame Gestaltungsaufgabe.
Ein starkes System vorausschauend weiterentwickeln
Nach Begrüßung durch Mag. Klaus Kumpfmüller, Vorstandsvorsitzender der HYPO Oberösterreich, der deutlich machte, dass Gesundheit 2040 eine langfristige Investition in Standortqualität, Planungssicherheit und wirksame Strukturen sei, eröffnete LH-Stv.in Mag.a Christine Haberlander, Obfrau von ACADEMIA SUPERIOR, den inhaltlichen Teil des Abends. Ihr Impuls stellte keinen Krisenbefund an den Anfang, sondern eine Stärke: Oberösterreich verfügt heute über kurze Wege, hohe Leistungsfähigkeit und ein solidarisches Fundament. Gerade deshalb muss das System vorausschauend weiterentwickelt werden, und zwar von Leistungsfähigkeit zu Steuerungsfähigkeit. Die Voraussetzung sind dafür sind ein gutes Gesprächsklima, das in Oberösterreich gegeben ist.
„Wir sprechen in Oberösterreich nicht übereinander, sondern wir sprechen miteinander”
— Christine Haberlander
In ihrer Präsentation stellte Christine Haberlander „Gesundheit 2040“ als Weiterentwicklung eines leistungsfähigen Versorgungssystems hin zu einem stärker integrierten, datenbasierten und lernfähigen Gesundheitssystem vor. Im Mittelpunkt standen fünf strategische Handlungsfelder: eine bessere Patient:innensteuerung durch Primärversorgung, digitale Triage und verbindliche Versorgungspfade, eine stärker integrierte Finanzierung entlang des Behandlungspfads, ein wirksamerer Einsatz von Fachkräften durch klare Rollenprofile und Skill-Grade-Mix, interoperable Daten und einheitliche Standards sowie Prävention und Gesundheitskompetenz als Grundlage einer passgenaueren Versorgung.
Als Orientierungsrahmen für 2040 wurden Steuerungsfähigkeit, One Health, Klimaresilienz und Lernfähigkeit benannt: Versorgungsübergänge sollen besser verbunden, Zuständigkeiten geklärt, Gesundheitsrisiken früher erkannt und neue Evidenz laufend in Strukturen und Entscheidungen übersetzt werden.
Steuerung, Finanzierung und neue Rollen im System
In seiner Keynote „Zukunftsperspektiven für innovative und finanzierbare Gesundheitsversorgung” brachte Univ.-Prof. Dr. Meinhard Lukas, Geschäftsführer des Kepler Universitätsklinikums, die Perspektive eines zentralen Gesundheitsdienstleisters ein. Innovation und Finanzierbarkeit gehören zusammen, wenn Versorgung konsequent vom Patientennutzen gedacht wird — von Patient First über Value Based Healthcare bis zu strukturierten Behandlungspfaden.
Entscheidend ist der Wechsel der Messgröße: Erfolg bemisst sich nicht an der Zahl einzelner Leistungen, sondern an Ergebnissen über den gesamten Behandlungszyklus. Patientenerfahrung, Sicherheit, evidenzbasierte Pfade, weniger Low-Value Care und interprofessionelle Abläufe werden so zu Hebeln einer solidarischen und effizienteren Versorgung.
„Ich gratuliere der ACADEMIA SUPERIOR zu diesem mutigen und visionären Policy Paper”
— Meinhard Lukas
Die Ausgangslage ist klar: Bis 2050 steigt die Zahl der über 65-Jährigen in Oberösterreich deutlich, während die Erwerbsbevölkerung schrumpft. Gleichzeitig wären viele ungeplante Ambulanzkontakte grundsätzlich allgemeinmedizinisch behandelbar, und ein erheblicher Teil der Bevölkerung hat Schwierigkeiten, Gesundheitsinformationen einzuordnen. Daraus ergibt sich eine zentrale Schlussfolgerung: Versorgung muss besser gelenkt, Primärversorgung gestärkt, digitale Triage ausgebaut und die Zusammenarbeit zwischen intra- und extramuralem Bereich verbindlicher organisiert werden.
Im anschließenden ersten Podium vertieften Univ.-Prof. Dr. Meinhard Lukas, Geschäftsführer des Kepler Universitätsklinikums, Mag. Jakob Hochgerner, Leiter der Direktion für Soziales und Gesundheit des Landes Oberösterreich, Dr. Tilman Königswieser, Geschäftsführer Oberöster-reichische Gesundheitsholding, sowie Mag. Johann Minihuber, MBA, Geschäftsführer Ordensspitäler Oberösterreich Koordinations GmbH diese Systemfrage aus der Praxis. Im Zentrum standen die demografische Entwicklung und der wachsende Druck auf den stationären Bereich. Deutlich wurde: Zukunftsfähige Versorgung braucht die Voraussetzungen für mehr ambulante und weniger stationäre Aufenthalte, klare Wege durch das System und den Anspruch, Irrwege möglichst zu vermeiden. Der Grundsatz „heilen, helfen, begleiten“ wurde dabei als Orientierung für eine Medizin beschrieben, die nicht nur behandelt, sondern Menschen durch unterschiedliche Phasen von Krankheit und Versorgung führt. Digitalisierung wurde zugleich nicht als Selbstzweck verstanden, sondern als Beitrag zu einem digitalen Humanismus, der Orientierung, Beziehung und Verantwortung im System stärkt.
„Wir müssen Patientinnen und Patienten Orientierung geben und Irrwege im System vermeiden“
— Jakob Hochgerner„Heilen, Helfen, Begleiten – diese Grundsätze der Medizin müssen wir auch in Zukunft miteinander umsetzen“
— Tilman Königswieser„Digitalen Humanismus zu stärken ist wesentlich für den Umgang mit Künstlicher Intelligenz im Gesundheitswesen“
— Johann Minihuber
Von Health Literacy zu One Health
Einen zweiten Schwerpunkt setzte Dr.in Saskia De Gani, Leiterin des Careum Zentrums für Gesundheitskompetenz in Zürich. In ihrer Keynote „Von Health Literacy zu One Health: Systemisch denken, Perspektiven erweitern” zeigte sie, dass Gesundheitskompetenz weit mehr ist als individuelle Information. In einer Zeit globaler Risiken, digitaler Informationsflut und sinkenden Vertrauens wird Orientierung selbst zur Gesundheitsressource.
Gesundheitskompetenz wurde damit als Systemaufgabe beschrieben: Menschen brauchen Wissen, Motivation und Fähigkeiten, um Informationen zu finden, zu verstehen, zu beurteilen und anzuwenden. Zugleich müssen Institutionen ihre Angebote so gestalten, dass Entscheidungen im Alltag leichter werden — von Prävention und Ernährung bis zur richtigen ersten Anlaufstelle.
Gesundheitskompetenz ist damit auch eine Frage von Chancengerechtigkeit und Systemqualität. Besonders gefordert sind Menschen in finanziell prekären Situationen, mit niedrigerer Bildung, im mittleren Alter oder mit chronischen Erkrankungen. Wer größere Schwierigkeiten im Umgang mit Gesundheitsinformationen hat, nutzt das Gesundheitssystem häufiger, schätzt die eigene Gesundheit schlechter ein und ist öfter von chronischen Erkrankungen betroffen.
„Die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung ist zu haben, damit ein lernfähiges und gesamt gedachtes Gesundheitssystem umgesetzt werden kann.“
— Saskia de Gani
Im zweiten Podium „Gesundheit umfassend gedacht?“ diskutierten Dr.in Saskia De Gani, Dr.in Silke Haim, Präsidentin der Ärztekammer Oberösterreich, Mag. Philipp Rieder von der Apothekerkammer Oberösterreich und Priv.-Doz. Dr. Jürgen Wallner, Leiter des Bereichs Ethik der Barmherzige Brüder Ordensprovinz Europa Mitte, wie Gesundheit über klassische Versorgungsgrenzen hinaus gedacht werden kann. Im Mittelpunkt stand Gesundheitskompetenz als zentrale Voraussetzung für ein funktionierendes System: Menschen sollen besser einschätzen können, wann ärztliche Hilfe notwendig ist, wann niedrigschwellige Behandlungsmethoden oder bewährte Hausmittel ausreichen und wo sie verlässliche Orientierung finden. Deutlich wurde zugleich, dass Gesundheit nicht isoliert betrachtet werden kann. Bildung, Klima, soziale Lebensbedingungen und verständliche Wissensvermittlung müssen mitgedacht werden, wenn Prävention gestärkt, unnötige Wege im System vermieden und Gesundheitschancen gerechter verteilt werden sollen.
„Husten, Schnupfen, Heiserkeit muss keinen Arzt sehen“
— Silke Haim„Die Vermittlung von Gesundheitskompetenz muss hier stattfinden und nicht durch Konzerne im Internet“
— Philipp Rieder„Werden Menschen aus Vernunft vernünftig?“
— Jürgen Wallner
Saskia de Gani betonte an dieser Stelle nochmals, wie der One-Health-Ansatz den Blick erweitert: Gesundheit entsteht nicht nur im Behandlungszimmer, sondern an den Schnittstellen von Mensch, Tier, Umwelt, Klima und sozialen Lebensbedingungen. In den Folien wurde diese Perspektive mit dem Ziel eines gesunden Lebensraums verbunden, in dem soziale Grundlagen und planetare Belastungsgrenzen zusammengedacht werden. Für Oberösterreich eröffnet das neue Möglichkeiten für Vorsorge, Monitoring, Hitzeschutz und regionale Resilienz.
Ein lernfähiges System als Zukunftsperspektive
Der Abend zeigte: Die Perspektive für 2040 ist nicht die eines perfekten Systems. Sie ist die eines Systems, das lernfähig bleibt. Eines Systems, das Versorgungsübergänge besser verbindet, Informationen gezielter nutzt, Belastungen früher erkennt und neue Evidenz laufend in Strukturen, Prozesse und Entscheidungen übersetzt.
Darin liegt eine realistische und zugleich ambitionierte Zukunftsperspektive für Oberösterreich: Gesundheit weiterdenken heißt, aus einem starken System ein steuerungsfähiges, verständliches, vorsorgendes und lernendes System zu machen.
Das Policy Paper bringt diesen Gedanken auf den Punkt: Nicht allein die Mittelausstattung entscheidet über Zukunftsfähigkeit, sondern die Fähigkeit zur wirksamen Steuerung. Versorgung muss so organisiert werden, dass Menschen die richtige Unterstützung zur richtigen Zeit am richtigen Ort erhalten — und dass vorhandene Ressourcen gezielt dort wirken, wo sie den größten Nutzen für Gesundheit und Lebensqualität stiften.
Die Veranstaltung wurde von HYPO OOE als langjähriger Partnerin der ACADEMIA SUPERIOR unterstützt.
Wie bleibt unsere Gesundheitsversorgung auch morgen resilient, innovativ und solidarisch? Dieser Frage widmete sich ACADEMIA SUPERIOR am Donnerstag, 9. Juli 2026, bei der Abendveranstaltung „Gesundheit 2040 – Transformation der Gesundheitsversorgung in Oberösterreich“. Ein umfassender Bericht folgt in Kürze.
Links und Unterlagen zur Veranstaltung
- Policy Paper „Gesundheit 2040 — Transformation der Gesundheitsversorgung in Oberösterreich”

- Veranstaltung auf Youtube
- Keynote Univ.-Prof. Dr. Meinhard Lukas
- Keynote Dr.in sc. nat. Saskia De Gani



