Verantwortungsvoll mit dem technologischen Fortschritt umgehen

Statement von Univ.-Prof. Dr. Markus Hengstschläger, Wissenschaftlicher Leiter von ACADEMIA SUPERIOR zum Symposium 2019

Wie viel tech­nol­o­gis­chen Fortschritt verträgt die Gesellschaft? Wird unsere Zukun­ft durch Kün­stliche Intel­li­genz, selb­stler­nende Algo­rith­men, fortschre­i­t­ende Dig­i­tal­isierung und vor­rück­ende Robotik wirk­lich vorherse­hbar? Und was macht das alles aus uns? In zwei inten­siv­en Arbeit­sta­gen haben wir uns beim neun­ten SURPRISE FACTORS SYMPOSIUM mit diesen Fra­gen auseinan­derge­set­zt und den Ver­such unter­nom­men, sie zu beant­worten. Denn bei all dem ras­an­ten tech­nol­o­gis­chen Fortschritt darf eines nicht auf der Strecke bleiben: der Men­sch.

Genau das war der Ans­porn, das The­ma „Pre­dic­tive Futures: Die Ver­mes­sung der Zukun­ft“ aus ver­schiede­nen Blick­winkeln zu betra­cht­en. In Anspielung auf das Buch Die Ver­mes­sung der Welt von Daniel Kehlmann haben wir uns auf den Weg gemacht, tiefer zu blick­en und die Hin­ter­gründe und Auswirkun­gen der aktuellen Entwick­lun­gen zu beleucht­en. In den Gesprächen wurde klar: Tech­nolo­gien kön­nen immense Chan­cen für uns als Gesellschaft und als Land eröff­nen. Um eben diese Per­spek­tiv­en zu nutzen, bedarf es dabei viel Aufk­lärung, Reflex­ion und reg­u­la­torisch­er Richtlin­ien in Poli­tik, Wis­senschaft, Wirtschaft und Gesellschaft. Dafür haben wir uns auch dieses Jahr wieder von inter­na­tionalen Per­sön­lichkeit­en aus unter­schiedlichen Diszi­plinen, Mit­gliedern unseres wis­senschaftlichen Beirats und jun­gen Studieren­den inspiri­eren lassen, die uns Leitlin­ien für unsere zukün­ftige Arbeit bei ACADEMIA
SUPERIOR aufgezeigt haben.

„NICHT ALLES, WAS TECHNISCH ODER WISSENSCHAFTLICH MÖGLICH IST, SOLLTE AUCH TATSÄCHLICH UMGESETZT WERDEN.“

Aufklärung macht den Unterschied

Fortschritt gibt es nur, wenn wir uns auf Unbekan­ntes ein­lassen. Nur wenn sich Men­schen trauen, neue Her­aus­forderun­gen anzunehmen und neue Möglichkeit­en zu nutzen, kön­nen wir uns als Gesellschaft weit­er­en­twick­eln. Doch was brin­gen uns die neuen tech­nol­o­gis­chen Möglichkeit­en, wenn sie unsere Hand­lungs­macht ein­schränken? Was nutzen uns die dig­i­tal­en und tech­nol­o­gis­chen Vorteile, wenn der Preis, den wir dafür zahlen, zu hoch ist? „Pri­vat­sphäre ist ein Aus­lauf­mod­ell“, sagt der Psy­chome­trik­er Michal Kosin­s­ki. „Wir sind auf dem Weg zur dig­i­tal­en Ver­dum­mung“, bestätigt die Jour­nal­istin Susanne Gaschke und „Robot­er brauchen Regeln“ fügt die Com­put­er­grafik-Wis­senschaf­terin Nadia Mag­ne­nat Thal­mann hinzu. Diese Aus­sagen machen Angst. Und das ist men­schlich. Doch die Gespräche zeigten, dass wir viele Vorteile aus dem tech­nol­o­gis­chen Fortschritt erwarten kön­nen, zumin­d­est dann, wenn wir wis­sen, zu welchen Resul­tat­en unser Umgang damit führt.

„BILDUNG IST EIN SCHLÜSSELTHEMA IM UMGANG MIT DEN NEUEN TECHNOLOGISCHEN
MÖGLICHKEITEN.“

Dafür müssen nicht nur Vorurteile und Halb­wis­sen aus dem Weg geräumt wer­den, son­dern der tech­nol­o­gis­che Fortschritt muss Teil unser­er Lehre, Teil des gesellschaftlichen und poli­tis­chen Diskurs­es wer­den. In erster Lin­ie ist es nötig, dass in der (Hoch-)Schulbildung die neuen tech­nol­o­gis­chen Möglichkeit­en einen Platz find­en, denn wir müssen schon heute in diese The­men investieren, um auch zukün­ftig wet­tbe­werb­s­fähig zu bleiben. Vor allem junge Men­schen soll­ten ler­nen, wie sie tech­nol­o­gis­che, gesellschaftliche und poli­tis­che Gegeben­heit­en analysieren, hin­ter­fra­gen und reflek­tieren kön­nen. Wen­ngle­ich der nationale Kon­text die Akzep­tanz von neuen Tech­nolo­gien bee­in­flusst (und Öster­re­ich im Ver­gle­ich zu Län­dern wie Chi­na hier weit zurück­liegt), so haben wir die Pflicht, unser Bestes zu geben und die neuen Para­me­ter opti­mal einzuset­zen. Denn Öster­re­ich befind­et sich auch hier im europäis­chen und weltweit­en Wet­tbe­werb.

Vorhersehbares gestalten – Unvorhersehbares begrüßen

Die Dar­legun­gen der Exper­tin­nen und Experten haben verdeut­licht, dass durch Algo­rith­men und Kün­stliche Intel­li­genz vieles in unserem Leben vorherse­hbar gemacht wer­den kann, was in vie­len Fällen eine Bere­icherung sein kann: Soziale Robot­er kön­nen in der Alten- und Krankenpflege nicht nur die Pflegerin­nen und Pfleger ent­las­ten, son­dern auch als sozialer Kon­takt für die Pati­entin­nen und Patien­ten fungieren. In der Forschung kann Kün­stliche Intel­li­genz durch eine effizien­tere Infor­ma­tionsver­ar­beitung und Visu­al­isierung Inno­va­tion vorantreiben oder in der Medi­zin Leben ret­ten, indem sie z.B. unsere Krankheit­srisiken durch Gen­analy­sen vorher­sagt. Auch in alltäglichen Sit­u­a­tio­nen unter­stützen uns Algo­rith­men: Wird ein Stau durch Sys­teme wie Google Maps ver­mieden, so hil­ft dies, Kraft­stoff einzus­paren.

Doch nichts im Leben ist geschenkt. Die auf intel­li­gen­ten Algo­rith­men basieren­den Geschäftsmod­elle beruhen darauf, dass jede und jed­er per­sön­liche Infor­ma­tio­nen kosten­los zur Ver­fü­gung stellt, denn wenn die Soft­ware­un­ternehmen für Dat­en bezahlen müssten, wür­den viele Men­schen sich die derzeit gratis ver­füg­baren Dien­ste nicht leis­ten kön­nen.

Um die Chan­cen des „Vorherse­hbaren“ nutzen zu kön­nen, bedarf es dem­nach klar­er inter­na­tionaler Regeln im Umgang mit diesen Möglichkeit­en, sowohl für die Gesellschaft als auch für die Wirtschaft. Denn jene Tech-Konz­erne, die unsere Dat­en kon­trol­lieren, ken­nen keine nationalen Gren­zen. Hier muss die Poli­tik anset­zen und reg­u­la­torische Richtlin­ien for­mulieren, denn ohne die notwendi­gen poli­tis­chen Rah­menbe­din­gun­gen laufen wir Gefahr, in unserem Han­deln eingeschränkt und von Tech­nolo­gien getrieben zu wer­den.

Dabei dür­fen wir nicht überse­hen, dass trotz aller Vorher­sagemöglichkeit­en sehr wohl auch noch Raum für Über­raschun­gen beste­ht. Denn als Men­schen wer­den wir nicht nur von unser­er Genetik, son­dern auch von unser­er Umge­bung bee­in­flusst und irra­tionales Ver­hal­ten ist nun ein­mal Teil des men­schlichen Han­delns.

Der Mensch entscheidet, nicht die Maschine

Die Beschäf­ti­gung mit dem The­ma „Pre­dic­tive Futures: Die Ver­mes­sung der Zukun­ft“ hat uns gezeigt, dass jede Medaille zwei Seit­en besitzt. Wir kön­nen die Zeit nicht zurück­drehen. Umso wichtiger ist es, mit dem tech­nol­o­gis­chen Fortschritt ver­ant­wor­tungsvoll umzuge­hen und diesen best­möglich in unser Leben zu inte­gri­eren. Dabei ste­ht der Men­sch in der Pflicht, gewis­senhaft mit den neuen Möglichkeit­en umzuge­hen. Das Bil­dungswe­sen und die Forschung müssen Aufk­lärungsar­beit betreiben und Wis­sen schaf­fen. Die Medi­en müssen die Erken­nt­nisse trans­portieren und die Gesellschaft sollte reflek­tiert und moralisch entschei­den. Wichtig dabei ist, dass wir darauf acht­en, nur jene Tech­nolo­gien einzuset­zen, deren Hand­lun­gen wir vorherse­hen kön­nen. Poli­tik, Forschung und Gesellschaft set­zen hier die sozialen und ethis­chen Rah­menbe­din­gun­gen, unter welchen Maschi­nen und Algo­rith­men „wirken“ dür­fen. Dabei ist manch­mal vielle­icht auch Entschle­u­ni­gung sin­nvoll, wenn wir Men­schen bei all dem tech­nol­o­gis­chen Fortschritt mitkom­men wollen. Es liegt also an uns, die Zukun­ft so zu gestal­ten, wie wir es möcht­en.

ACADEMIA SUPERIOR hat es sich zur Auf­gabe gemacht, schon heute die Fra­gen zu stellen, die bedeu­tend für die Zukun­ft Oberöster­re­ichs sein wer­den. Die Antworten darauf tra­gen zur aktiv­en Gestal­tung unser­er Zukun­ft bei. So blicke ich mit großer Zuver­sicht der Arbeit in den kom­menden Monat­en ent­ge­gen, um gemein­sam Strate­gien für vorherse­hbare sowie unvorherse­hbare zukün­ftige Ereignisse zu konzip­ieren.