Eigentlich sind wir sogar jünger geworden

In vie­len Diskus­sio­nen wer­den die Auswirkun­gen des demografis­chen Wan­dels auf die einzel­nen Lebens­bere­iche nur auf die Alterung der Bevölkerung reduziert. Wer aber andere Teilaspek­te nicht bedenkt und die zahlre­ichen Wech­sel­wirkun­gen zwis­chen wirtschaftlichen, rechtlichen, poli­tis­chen Rah­menbe­din­gun­gen und demografis­chen Entwick­lun­gen über­sieht, wird die abse­hbaren Auswirkun­gen durch die altersstruk­turellen Verän­derun­gen unser­er Bevölkerung nicht real­ität­snah ein­schätzen kön­nen.

Nach neuen demografis­chen Mess­meth­o­d­en ist unsere Gesellschaft näm­lich sog­ar demografisch jünger gewor­den als früher, erk­lärt der Demografie-Experte der Abteilung Sta­tis­tik des Lan­des Oberöster­re­ich Michael Schöfeck­er.

Babyboomer prägen die Altersstruktur

Gegen­wär­tig find­en wir in den meis­ten hochen­twick­el­ten Län­dern – und Oberöster­re­ich ist keine Aus­nahme – rel­a­tiv ein­heitliche Bevölkerungsstruk­turen: der Alter­sauf­bau der Gesellschaft ist in fast allen Gebi­eten von geburten­starken Jahrgän­gen, die sich im Haupter­werb­salter befind­en, geprägt. Zudem weisen die Bevölkerungspyra­mi­den schmale Basen mit mod­er­at wach­senden Alter­s­jahrgän­gen auf, ein Hin­weis auf ten­den­ziell steigende Geburten­zahlen.

Der gegen­wär­tige Alter­sauf­bau Oberöster­re­ichs ist vor allem in den 1950er und 1960er Jahren ent­standen. In dieser Zeit wur­den die stärk­sten Geburten­jahrgänge reg­istri­ert. Und da die Geburten­zahlen etwa ab Mitte der 1960er Jahre wieder stark zurück­gin­gen und sei­ther das Fer­til­ität­sniveau niedrig blieb, hat sich eine aus der bish­eri­gen Geschichte ungekan­nte Bevölkerungsstruk­tur her­aus­ge­bildet.

Aus der Pyramide wird ein Pilz und dann eine Urne

In früheren Zeit­en ergaben die rel­a­tiv hohen Geburten­rat­en in Kom­bi­na­tion mit ein­er hohen Säuglings- und Kinder­sterblichkeit einen Über­hang der jun­gen Bevölkerung in der Gesellschaft. Die Altersstruk­tur wies einen sich gle­ich­för­mig ver­jün­gen­den Ver­lauf von der Basis bis zur Spitze auf. Daher sprechen wir von der soge­nan­nten Bevölkerungspyra­mide. Die Lebenser­wartung lag um 1900 für bei­de Geschlechter unter 40 Jahren.

Auf­grund der sich wesentlich verbessern­den Lebens­be­din­gun­gen (Hygiene, medi­zinis­che Ver­sorgung, Ernährung, Ein­führung eines Sozial­sys­tems, etc.) stieg im 20. Jahrhun­dert die durch­schnit­tliche Lebenser­wartung der Men­schen drastisch und die Geburten­rat­en gin­gen zurück – mit der großen Aus­nahme der 1950er und 60er Jahre. His­torische Ereignisse wie der Erste Weltkrieg, die Weltwirtschaft­skrise und der Zweite Weltkrieg haben deut­liche Spuren im Alter­sauf­bau hin­ter­lassen. Im Zeitver­lauf kann in den Bevölkerungssta­tis­tiken beobachtet wer­den, wie sich die Gen­er­a­tion dieser soge­nan­nten „Baby­boomer“ wie eine demografis­che Welle durch ihre Leben­sphasen bewegt, wie die ursprüngliche Bevölkerungspyra­mide heute eine Aus­buch­tung in der Mitte bekommt und in ca. 20 Jahren eher wie ein Pilz ausse­hen wird.

Alterspyramiden der oö. Bevölkerung. Quelle: Land OÖ Abteilung Statistik; Statistik Austria.
Alter­spyra­mi­den der oö. Bevölkerung. Quelle: Land OÖ Abteilung Sta­tis­tik; Sta­tis­tik Aus­tria.

In let­zter Kon­se­quenz müssen wir alle ster­ben und irgend­wann wird auch die Gen­er­a­tion der Baby­boomer wieder ver­schwinden – aus dem Pilz wird dann wahrschein­lich 2060 eine rel­a­tiv gle­ich­för­mige Urne gewor­den sein.

Der große „Unsicher­heits­fak­tor“ bei Bevölkerungsvo­rauss­chätzun­gen ist der Para­me­ter „Migra­tion“. Seit ger­aumer Zeit gewin­nt die inter­na­tionale Zu- und Abwan­derung zunehmend an Bedeu­tung. Über­wiegend ziehen junge Men­schen (zwis­chen 20 und 40 Jahren) und deren Kinder aus dem Aus­land zu uns. Fern­er tra­gen im Aus­land geborene (poten­zielle) Müt­ter mit einem höheren Fer­til­ität­sniveau (= durch­schnit­tliche Kinderzahl je Frau) als die in Öster­re­ich gebore­nen Müt­ter zu mod­er­at steigen­den Geburten­zahlen bei. Bei­de Effek­te kön­nen die demografis­che Alterung leicht abdämpfen aber nicht aufhal­ten.

Nettozuwanderung aus dem Ausland nach Oberösterreich 2002-2014. Quelle: Land OÖ Abteilung Statistik; Statistik Austria.
Net­tozuwan­derung aus dem Aus­land nach Oberöster­re­ich 2002–2014. Quelle: Land OÖ Abteilung Sta­tis­tik; Sta­tis­tik Aus­tria.

Es geht nicht um die demografischen Veränderungen sondern um den Umgang mit ihnen

Demografis­che Entwick­lun­gen durch poli­tis­che Maß­nah­men verän­dern zu kön­nen, ist eine Illu­sion. Die demografis­che Alterung unser­er Bevölkerung wird uns dann echte ökonomis­che Prob­leme bere­it­en, wenn wir uns weigern, unsere sozial- uns wirtschaft­spoli­tis­chen Insti­tu­tio­nen an die geän­derten Umstände anzu­passen! Um Entschei­dungsträgerin­nen und ‑trägern dabei zu helfen, den sich schon seit Jahrzehn­ten abze­ich­nen­den Verän­derun­gen angemessen zu begeg­nen, sind deshalb demografis­ches Mon­i­tor­ing und davon abgeleit­ete Schlussfol­gerun­gen so wichtig.

In den 50er Jahren waren viele Beobachter von den extrem hohen Geburten­zahlen über­rascht. Sie hat­ten zur Folge, dass in den 1960er und 70er Jahren die staatlichen Ange­bote im Kinder­be­treu­ungs- und Bil­dungs­bere­ich mas­siv aus­ge­baut wer­den mussten und – als die Baby­boomer ins Erwerb­sleben ein­trat­en – die Wirtschaft wie die Steuere­in­nah­men per­ma­nent wuch­sen.

Derzeit befind­en sich die Baby­boomer im „Haupter­werb­salter“ und leis­ten die größten Beiträge für unser Sozial­sys­tem. Bis ins Jahr 2030 wird der Großteil dieser Gen­er­a­tion jedoch vom Erwerb­sleben in den Ruh­e­s­tand über­ge­treten sein – was die Finanzierung viel­er staatlich­er Leis­tun­gen erschw­eren wird.

Spätestens wenn die Baby­boomer ins hochbe­tagte Alter kom­men (etwa ab dem 80. Geburt­stag), wird dann auch der Bedarf an Pflegeein­rich­tun­gen und ‑leis­tun­gen stark ansteigen. Diese Umstände haben zwar die meis­ten „im Hin­terkopf“, notwendi­ge Maß­nah­men wer­den aber noch hin­aus­geschoben, da schein­bar (noch) keine unmit­tel­baren Erfordernisse zum Ein­greifen beste­hen.

Erwerbs- und Lebensphasen wieder in Einklang bringen

In der öffentlichen Diskus­sion stellt die demografis­che Alterung eine Her­aus­forderung für die Finanzierung unseres umlage­fi­nanzierten Pen­sion­ssys­tems dar.

Momen­tan klaf­fen vor allem das geset­zliche und das fak­tis­che Pen­sion­santrittsalter zu weit auseinan­der. Es wäre jedoch sinn­los, das fak­tis­che Pen­sion­santrittsalter durch ein­seit­ige Maß­nah­men erhöhen zu wollen. Es müssen endlich Rah­menbe­din­gun­gen geschaf­fen wer­den, damit ältere Erwerb­stätige auch wirk­lich länger auf dem Arbeits­markt bleiben kön­nen – auf staatlich­er Ebene und auf der Ebene der Unternehmen selb­st passiert hier noch viel zu wenig. Ein län­ger­er Verbleib im aktiv­en Erwerb­sleben set­zt Maß­nah­men zur Verbesserung der Beschäf­ti­gungs­fähigkeit älter­er Arbeit­skräfte wie per­ma­nente Weit­er­bil­dung, neue Kar­ri­er­e­mod­elle für spätere Erwerb­s­jahre oder die Bere­it­stel­lung alters­gerechter Arbeit­splätze voraus.

Ein langsames Ein­gleit­en in den Ruh­e­s­tand wäre wahrschein­lich für viele eine ide­ale Lösung – auch um den Ruh­e­s­tand-Schock zu ver­mei­den. Flex­i­ble Pen­sion­süber­trittsmod­elle gibt es zwar schon, aber sie müssten endlich flächen­deck­ender einge­führt wer­den, um auf Früh­pen­sion­ierun­gen und „gold­en Hand­shakes“ (hohe Abfind­un­gen zur Kom­pen­sa­tion von Pen­sion­sein­bußen bei frei­willigem früheren Ein­tritt in den Ruh­e­s­tand) verzicht­en zu kön­nen.

Für eine Erhöhung der aktiv­en Erwerb­sphase spricht – zumin­d­est aus demografis­ch­er Sicht – die kon­tinuier­liche Steigerung der Lebenser­wartung. Sie hat sich in den ver­gan­genen 40 Jahren bei den Frauen von 74,5 auf 81,4 Jahre erhöht (Män­ner: 67,5 bzw. 78,9 Jahre). Gle­ichzeit­ig stieg die Pen­sions­dauer ein­er 65-Jähri­gen, rein sta­tis­tisch betra­chtet, von 15,6 auf 20,0 Jahre (Män­ner: 12,3 bzw. 18,2 Jahre). Damit stellt sich die berechtigte Frage, ob es nicht sin­nvoll wäre, das Pen­sion­santrittsalter dynamisch an die Entwick­lung der Lebenser­wartung zu kop­peln.

Denn eines erscheint klar: in Zukun­ft wird man auf die Erfahrung der Älteren nicht mehr verzicht­en kön­nen. Vor allem, weil diese auch immer noch leis­tungs­fähig sind und eigentlich gar nicht so alt sind, wie viele heute glauben.

Früher waren wir „älter“

Meist heißt es pes­simistisch: „Unsere Gesellschaft altert“. Doch stimmt dies?

Ja, wenn man nur das zahlen­mäßige und rel­a­tive Anwach­sen der Alters­gruppe der über 65-Jähri­gen betra­chtet und kon­sta­tiert, dass die Zahl der Hochbe­tagten (85 Jahre u.ä.) sich in den näch­sten 25 Jahren ver­dop­peln wird und deren Anteil an der oö. Bevölkerung sich bis 2050 auf 25,1% gle­ich­falls ver­dop­pelt. Diese tra­di­tionelle Mes­sung der demografis­chen Alterung ori­en­tiert sich an fest vorgegebe­nen Alters­gren­zen.

Bevölkerungsvorausschätzung Oberösterreich bis 2060. Quelle: Land OÖ Abteilung Statistik; Statistik Austria.
Bevölkerungsvo­rauss­chätzung Oberöster­re­ich bis 2060. Quelle: Land OÖ Abteilung Sta­tis­tik; Sta­tis­tik Aus­tria.

Nein, wenn man eine schon um 1975 in den USA disku­tierte demografis­che Mess­meth­ode wieder her­anzieht. Dann sind wir sog­ar im Ver­gle­ich zu früher „jünger“ gewor­den:

Bei der Mes­sung der Alterung stellt sich generell die Frage, ab welchem Alter eine Per­son zu den Senioren, respek­tive zur älteren Bevölkerung gezählt wer­den soll. Die üblichen Messzahlen der demographis­chen Alterung basieren auf ein­er fix­en Alters­gren­ze (z. B. 65 Jahre), wobei nach gängiger Norm alle Frauen und Män­ner ab 60 oder 65 Jahren zur Gruppe der älteren Men­schen gezählt wer­den, wobei impliziert wird, dass das Alter mit der Pen­sion­ierung begin­nt.

Heute sind viele Frauen und Män­ner nach ihrer Pen­sion­ierung aktiv und pro­duk­tiv. Eine Fix­ierung der demographis­chen Alterung ver­stärkt neg­a­tive Stereo­type über das Alter. Demographen und Geron­tolo­gen kri­tisieren die üblichen Messzahlen der demographis­chen Alterung als zu sta­tisch, da sie die bedeut­samen Verän­derun­gen der Lebenser­wartung in den ver­gan­genen Jahrzehn­ten zu wenig berück­sichti­gen. Daher kön­nte man einen dynamis­chen Indika­tor der demographis­chen Alterung ein­führen. Dies­bezügliche Über­legun­gen gehen auf den amerikanis­chen Demographen Nor­man Ryder im Jahr 1975 zurück. Beispiel­sweise wäre eine dynamis­che Alters­gren­ze dort zu ziehen, wo die restliche Lebenser­wartung weniger als 10 Jahre beträgt. Dieser Indika­tor würde den Vorstel­lun­gen von funk­tionalem Altern eher entsprechen. Es wird deut­lich, dass ein dynamis­ch­er Indika­tor der demographis­chen Alterung, der die ver­längerte Lebenser­wartung berück­sichtigt, das Bild ein­er rasch altern­den Bevölkerung rel­a­tiviert. Er entspricht den mod­er­nen geron­tol­o­gis­chen Vorstel­lun­gen, die eine Gle­ich­set­zung von fix­em chro­nol­o­gis­chem Altern und indi­vidu­ellem Altern ver­w­er­fen.

Nun kann man (1.) danach fra­gen, ab welchem Alter die Men­schen früher noch eine Restleben­szeit von 10 Jahren hat­ten und (2.) danach, wie viele Men­schen über­haupt in diese Kat­e­gorie fie­len. In Öster­re­ich ist dies ab dem Jahr 1869, dem Jahr der ersten Volk­szäh­lung möglich.

Es zeigt sich, dass damals 7,1% der Bevölkerung (tra­di­tionell 1,5%) in diese Alter­skat­e­gorie gefall­en sind – heute liegen wird jedoch leicht unter diesem Wert (5,8%, tra­di­tionell 8,9%) – unsere Gesellschaft ist heute also eigentlich sog­ar jünger als vor 150 Jahren. Und auch in Zukun­ft wird diese Zahl nur mar­gin­al steigen, weil näm­lich auch die Alters­gren­ze, ab der man noch eine Restleben­szeit von 10 Jahren hat, weit­er ansteigen wird. Für das Jahr 2040 wer­den 8,2% bzw. 15,6% erwartet.

Man ist so alt, wie man sich fühlt

Diese Reden­sart ken­nt jed­er und sie gilt in Zukun­ft noch mehr als früher. Am Beispiel mit ein­er ferneren Lebenser­wartung von 30 Jahren bedeutet das: eine heute 56-jährige Frau darf sich wie eine 45–jährige im Jahr 1950 fühlen. Denn jew­eils liegen noch rund 30 Jahre Leben­szeit vor diesen Men­schen.

Denn wir leben erwiesen­er­maßen immer gesün­der und heute sagt das chro­nol­o­gis­che Alter nur mehr wenig über die Leis­tungs­fähigkeit eines Men­schen aus. Diesen Umstand überse­hen viele, die davor war­nen, dass mit der Alterung der Baby­boomer-Gen­er­a­tion ein sprung­hafter Anstieg im Bedarf an Pflege- und Altenheimen oder mobilen Pflege­di­en­sten nötig sein wird. Der Bedarf wird defin­i­tiv stark ansteigen. Aber nur wenn auch der Aspekt der steigen­den kör­per­lichen und geisti­gen Fit­ness im Alter berück­sichtigt wird, kön­nen zukün­ftige Bedarfe real­ität­snäher vorherge­sagt und einge­plant wer­den.

Gle­ichzeit­ig macht es das Ansteigen der Lebenser­wartung und Leis­tungs­fähigkeit sin­nvoll, danach zu fra­gen, ob wir unsere Leben­sphasen – wie etwa die Dauer unseres Erwerb­slebens – wirk­lich an einem fix­en (Pen­sions-) Alter aufhän­gen sollen oder ob wir nicht in Zukun­ft flex­i­bler damit umge­hen soll­ten. Erst die Zusam­men­führung der tra­di­tionellen und der prospek­tiv­en Sichtweise ver­mit­telt ein umfassendes Bild über eine ver­meintlich alternde Gesellschaft und erlaubt eine real­is­tis­che Ein­schätzung möglich­er gesellschafts- und sozialpoli­tis­ch­er Fragestel­lun­gen.

Zur Person

Dr. Michael Schöfeck­er ist Demografie-Experte in der Abteilung Sta­tis­tik des Amtes der oberöster­re­ichis­chen Lan­desregierung und Lek­tor an der Johannes-Kepler Uni­ver­sität Linz.

Er ist ein­er der Experten, die im Rah­men von Zukun­ft 5.0 ihre Ideen ein­brin­gen und die Zukun­ft mit­gestal­ten.